Die Entscheidung im Gepäck.

September 9, 2018

 

2 Wochen allein durch Schweden reisen. Ferien, die Klarheit bringen sollen. Mein Plan: Ich verbringe einfach mal ganz viel Zeit mit mir. Ich mache nur die Sachen, die mir Spass bringen, spreche nur mit Menschen, die mich interessieren und beobachte dabei, was das denn so für Sachen und Menschen sind. Wenn ich irgendwo hingehe, wo mich keiner kennt, kann ich mich ja auch mal ganz anders verhalten, eben ganz wie ich, wenn ich nicht in meiner gewohnten Rolle bin. Und vielleicht stelle ich dabei fest, dass ich ganz anders ticke, als ich das immer gedacht habe. Zu meiner Mission gehört auch herauszufinden, ob Schweden nicht ein Land ist, in dem ich mir vorstellen könnte zu leben. Seit meinen Auswanderungsplänen zieht mich der Norden magisch an.

 

An dieser Reise zweifel ich keinen Moment, denn schon das Planen ist ein ganz anderes Erlebnis. Wenn mir etwas gefällt, buche ich sofort. Ich muss keine Abstimmung mit einem Reisebuddy machen, sondern entscheide unmittelbar und intuitiv. Nächtelang recherchiere ich nach dem passenden Retreat, um das ich meine Reise gestalten möchte. Als ich das Bild von der Farm mit den rot-weissen Holzhäusern mitten im Wald sehe, steht die Entscheidung sofort fest. 5 Tage Schweigen und Zen-Meditation im schwedischen Inland, vorher ein paar Tage Göteborg, nachher Stockholm, Visby und Uppsala. Unterwegs mit Zug, Fähre, Bike und zu Fuss. Übernachtungen in AirBnBs, deren Hosts für besondere Gastfreundschaft bekannt sind.

 

Als es endlich losgeht, sind meine Erwartungen riesig. Soviel Me-time müsste ja irgendeine Erkenntnis bringen. In dem Moment, in dem ich in Göteborg aus dem Flieger steige, sind die Erwartungen aber vergessen und ich geniesse einfach das Gefühl, dass mir das ganze Land offen steht. In den ersten Tagen erklimme ich einsame Hügel, bade an versteckten Buchten, radel mit dem Fahrrad meines Hosts die Küste entlang und gehe mit den drei riesigen Hunden einer anderen Gastgeberin gassi. Die Tage sind aufregend und lang, mit viel Gesellschaft. Und dann sitze ich auch schon im Zug nach Laxå. Meinen Zen-Meister, der mich vom Bahnhof abholt, erkenne ich schon von weitem. Ein kleiner Japaner mit weissem Bärtchen und breitem Grinsen. Während wir noch tiefer ins Landesinnere fahren, erzähle ich ihm meine ganze Lebensgeschichte. Schliesslich muss ich meine Wörter für die nächsten Tage alle jetzt schon loswerden. Als wir dann auf der Farm in Rödjorna ankommen, verschlägt es mir aber die Sprache. Die Farm ist riesig und in voller Pracht. Mein Haiku, das ich später im Gästebuch hinterlasse, bringt es kurz und knapp zum Ausdruck:

 

Picture postcard red white green,

leave as a person

you have not yet seen.

 

Ich bin die einzige Schülerin. Wegen dem Jahrhundertsommer ziehen alle schwedischen Teilnehmer ihre Ferienhäuser am Meer der Farm im Wald vor. Ich geniesse also vollkommene Abgeschiedenheit, lange Meditationen, einsame Spaziergänge und das Beobachten der Pferde und Ziegen. Ich schaue, schreibe, denke und träume. Ich habe noch nie soviel Zeit damit verbracht, im Moment zu leben, da mich dort auf der Farm nichts ablenkt und keine Aufgabe auf mich wartet. Viel zu schnell ist die Zeit vorbei und wir werten beim Frühstück meine Erfahrungen aus. Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass nichts in mir passiert ist. Ich kann nicht mehr sagen, als dass ich mich entspannt fühle. Mein Zen-Master rät mir, mich nicht zu drängen und den Weg im Alltag weiter zu verfolgen. Vielleicht war meine Erwartungshaltung auch einfach zu hoch.

 

Und wenn ich bisher noch nicht an das Law of attraction geglaubt hätte, wäre es jetzt nicht mehr zu leugnen gewesen. In Stockholm endlich wieder unter Menschen, fühle ich mich wie in Watte gepackt. So viele Touristen überfordern mich einen Augenblick. Meine erste Unterhaltung ist mit einem Weltenbummler, der in Stockholm gerade einen Zwischenstopp macht. Wir haben sofort eine Verbindung und er erzählt mir von seinen vielen Abenteuern. Die ganze Welt hat er schon bereist und auch in einem Kloster hat er schon über mehrere Monate gelebt und meditiert. Ich erzähle ihm von meinen Reisen und Ländern, in denen ich gelebt habe, bevor ich in der Schweiz hängengeblieben bin.  Mehrmals sage ich, wie sehr ich ihn beneide, dass er so jung sei und das noch machen könne. Und immer wieder bestärkt er mich darin, dass das nicht vom Alter abhängig sei. Wir verbringen meine gesamte Zeit in Stockholm miteinander und ich fühle mich so frei wie nie. Als ich in die Fähre nach Visby steige, machen sich meine Gedanken selbständig. Ich komme kaum hinterher alles aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht. Ich verstehe, dass mir das Retreat eine Tür zu einer Welt gezeigt hat und die Begegnung mit dem Weltenbummler der Schlüssel ist, um sie zu öffnen.

 

Und auf einmal bin ich mittendrin in dieser neuen Welt. Und die Aufregung ist so stark, dass ich sie im ganzen Körper spüre. Aussen bin ich die Touristin, die durch die wunderschöne Altstadt läuft, innen tobt ein Wirbelsturm an Gedanken und Gefühlen. Am Ende des Tages, erkenne ich, welcher Gedanke sich den Weg an die Oberfläche gekämpft hat. Ich bin nicht glücklich wo ich bin. Ich muss weg. Und die ganze Welt steht mir offen.

 

Bis ich am Flughafen sitze, habe ich mehreren Freunden von meinen Gedanken erzählt, viele Tränen geweint, Nächte wach gelegen und gegen die Angst gekämpft, meine sichere Komfortzone zu verlassen. Beim Check-in angekommen, habe ich bereits Pläne geschmiedet, die hoffentlich den Flug in den Alltag überstehen. Mein erster Plan ist: die Kündigung.

 

Dass ich nicht von meinem Vorhaben abgebracht wurde, weisst Du, sonst gäbe es diesen Blog heute nicht. Wie schwer der Weg dahin aber war, wie mein Umfeld reagiert hat und mit welchen Tricks mein Unterbewusstsein fast täglich versucht, mich umzustimmen, das schreibe ich Dir hier.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja  

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