Wie jetzt, einfach stillsitzen?

September 26, 2018

Augen zu und durch. Ein Spruch, der mich seit meiner Kindheit begleitet. In schweren Situationen habe ich einfach die Augen zugemacht, den Körper in Abwehrhaltung gebracht und mich mit voller körperlicher Anstrengung gegen die anstehende Prüfung gewappnet. Dass man dieses Sprichwort auch ganz anders interpretieren kann, ist mir erst vor kurzer Zeit bewusst geworden.

 

Augen schliessen, Körper entspannen, loslassen und dann erst durch. Durch was eigentlich? Durch meine Probleme, meine Ängste, meine vermeintlich schlimmsten Befürchtungen? Und das, ohne mich körperlich zu verausgaben? Verrückt. Aber wirksam. In meinem Coaching bin ich erstmals mit dem Thema Meditation in Berührung gekommen. Natürlich hab ich vorher in diversen Yogastunden eine geführte Entspannungsmeditation mitgemacht oder auch mal das ein oder andere autogene Training erlebt. Ich fühlte mich jedesmal sehr gelassen, was aber im Wesentlichen daran lag, dass ich komplett weggedöst war und ein kleines Powernap ja immer zur Entspannung beiträgt. Ich dachte immer, dass so eine Meditation einfach eine körperliche Auszeit sei. Und verkannte damit das Heilmittel gegen Probleme aller Art.

 

Wie stark mein Geist beansprucht ist, habe ich in meiner ersten echten Meditation gemerkt. Ich war geflasht, was mir alles in den Sinn kommt, wenn ich versuche an nichts zu denken. Meine weisse Leinwand vor meinem inneren Auge war ständig gefüllt mit bunten Filmchen, deren Regisseur mein Unterbewusstsein war. Das liebevolle Beiseiteschieben eben jener Gedanken fiel mir am Anfang nicht leicht. Bis ich überhaupt gemerkt habe, dass ich einem der Filme noch nachhing, vergingen oft Minuten und ich hatte dann jedesmal das Gefühl, diese Meditation vermasselt zu haben. 

 

Für mich war das am Anfang eine Sportart, ein Wettbewerb gegen mich selbst. Wenn ich bei einem Rennen die ersten Minuten zu langsam lief und meine Bestzeit nicht mehr aufholen konnte, war es für mich gelaufen und ich gab mich innerlich geschlagen. Es war schwer, mich beim Meditieren von diesem Denken zu verabschieden. Mich überhaupt vom Denken zu verabschieden und mich stattdessen auf das Beobachten zu konzentrieren. Mein Coach schaffte es aber mit viel Geduld, mich von meinem Leistungsanspruch zu lösen. Ich liess mich ein, voll und ganz. 

 

Dieser Moment, wenn Du von hart auf weich wechselst. Wenn Dein Kiefer plötzlich entspannt und Deine Stirn ganz glatt wird. Wenn Du nichts erwartest, sondern einfach geschehen lässt. Plötzlich war er da. Und meine Wand war weiss. Mein Geist war klar. Gedanken kamen und ich verlor mich nicht in ihnen. Wie oft hatte ich versucht, sie einfach nur zu beobachten und vorbei zu schieben. Wie oft war mir das misslungen und ich verlor mich in Lösungsszenarien? Aber in diesem Moment war es anders. Wie eine Lehrerin, die jeden Schüler seinen Aufsatz vortragen lässt, beobachtete ich jeden meiner Gedanken und liess ihn sich wieder hinsetzen. Am Ende hatte ich ein Gefühl dafür, was mich wirklich beschäftigte. 

 

Ich fühlte mich erhaben. Ich war meinen Gedanken erstmals nicht ausgeliefert. Ich hatte auf einmal die Superkraft, einen Schritt zurückzuschreiten, um mich aus einer aussenstehenden Perspektive zu sehen. Als mir das zum ersten Mal gelang, veränderte das meine Welt. Im Aussen war ich schon immer rastlos. Ständig in Action und voller Bewegungsdrang. Im Inneren voller kreisender Gedanken. Plötzlich erkannte ich das Geschenk des Stillsitzens, der äusseren und inneren Ruhe. Ich begann, ein Ritual in meinem Alltag zu etablieren, indem ich jeden Morgen 10 Minuten meditierte. Den Tag so zu starten hat mein Leben unglaublich verschönert. Anstatt mit ruppigem Weckerklingeln, dem Checken meines Handys und einem hektischen Frühstück in den Tag zu starten, bin ich einen Moment ganz bei mir, bevor die Welt Zutritt bekommt. Natürlich gibt es weiterhin Tage, an denen meine Wand ganz bunt ist. Aber diese Tage nehme ich an. Dies ist kein Wettbewerb. Jeder Tag, an dem ich mir die Zeit für mich nehme, ist ein Gewinn. Ob weiss oder bunt.

 

Inzwischen habe ich viele Arten der Meditation ausprobiert. Mit geschlossenen und offenen Augen, mit Musik, mit Gesang, einsam und mit vielen Menschen. Und die Manifestation als stärkstes Instrument. Ich schreibe Dir ganz bald, wie stark mich das beeinflusst hat.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

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