Tanzen in den Strassen.

October 2, 2018

Ich hab mal geschrieben, dass ich die Gabe hab, mich selbst und andere aus Motivationstiefs zu holen. Bei anderen funktioniert das super mit Reden und Aktionismus. Wenn ich aber selbst im Tief bin, mag ich mir nicht auch noch gut zureden. Mein Zaubermittel ist dann Musik. 

 

In der Pubertät verbrachte ich Nachmittage lang mit meiner besten Freundin in der Garage und hörte die Songs unserer Lieblingsbands hoch und runter. Zu allen dramatischen Ereignissen gabs den passenden, noch dramatischeren Track. Die Stimmung wurde gnadenlos mit der entsprechenden Musik verstärkt. Es gab nur schwarz oder weiss, nur niedergeschmettert oder glückselig. Nicht umsonst erinnere ich mich an meine Jugend als eine sehr gefühlsintensive Zeit. Einige Songs bringen mich noch immer innert Sekunden in die Garage und die Stimmung von damals zurück.

 

Heute läuft das anders ab. Bei Stimmungstiefs erlaube ich mir ein paar Minuten in das jeweilige Gefühl mit der passenden Musik einzutauchen, um dann das Kontraprogramm zu starten. Und das besteht nicht plump aus einer Salve aus der Spotify Happy-Playlist, sondern aus erlesenen, über die Jahre zusammengesammelten Songs, die eine ganz bestimmte Wirkung auf mich haben. Sie alle schaffen es, bei mir dieses Kribbeln auszulösen, den Herzschlag zu beschleunigen und wecken beim Hören sofort den Wunsch zu tanzen. Ich kann nicht stillsitzen. Ich kann nicht wehmütig bleiben. Ich kann nicht weiter grübeln. Ich muss mich sofort bewegen. Und nicht etwa nur alibimässig mit dem Fuss wackeln, nein, ich rede von ausladenden Bewegungen.

 

Soundtrack of my life! Lustigerweise kann ich nicht festmachen, was genau ein Stück haben muss, um diese Gefühle bei mir auszulösen. Die Goldstücke kommen aus den verschiedensten Genres, werden von harten Pyrojungs, barfüssigen Hippiemädchen oder stimmgewaltigen Achtzigerjahre-Ikonen performt.  Es kommt aus heiterem Himmel - ich sitze in einer Bar, höre diesen Song und mein Gegenüber wird mit Desinteresse gestraft, weil all meine Sinne auf Musikempfang umgestellt haben. Besser ist es da schon im Kino, wenn mich der Soundtrack mitreisst und ich unbeobachtet auf meinem Stuhl wackeln und mitsingen kann. Ich kanns dann jeweils kaum erwarten, die Titel ausfindig zu machen und dann tagelang rauf und runter zu hören. Auf dem Heimweg vom Kino werden die Strassen zum Dancefloor und mit der Musik in den Ohren tanze ich von Ampel zu Ampel.

 

Am Morgen werfe ich prophylaktisch den Stimmungsbooster an. Dafür habe ich den Zug gegen mein Fahrrad für den Arbeitsweg eingetauscht. Laut mitsingen und die Hüften kreisen macht mehr Spass, wenn ich im Sonnenaufgang am Fluss langfahre, als wenn ich in der Bahn lauter verschlafenen, grummeligen Menschen gegenüber sitze. Die Leute grinsen mich an, wenn ich an ihnen vorbei fahre. Wenn der Tag so positiv startet, kann kommen was will, ich bleibe gelassen.

 

Tanzen macht glücklich. Ich wünschte mir, die Menschen würden es öfter tun. Aber je älter wir werden, desto weniger nehmen wir uns Zeit dafür. Wenn ich mich dann mal zum Tanzen verabrede, bin ich an dem Abend oft gar nicht in der richtigen Stimmung oder es läuft nicht die Musik, auf die ich Lust habe oder es ist zu eng und ich habe gar keinen Platz mich zu bewegen. Das scheint mir viel zu kompliziert für etwas, das man doch überall und jederzeit machen kann. In manchen Ländern ist es normal, auf der Strasse zu tanzen. Eine Gitarre, eine Stimme und einer, der den Anfang macht. Automatisch gesellen sich schnell andere Menschen dazu und auf einmal tanzt die ganze Strasse. Das sind die Länder, in denen die Menschen trotz Armut glücklich sind. Denn diese Momente verbinden Menschen und geben ein Gefühl der Einigkeit.

 

Hierzulande gibt es Workshops, in denen Menschen lernen, sich ganz der Musik hinzugeben. Dance like nobody is watching - nach dem Motto wallen und zucken sie mit geschlossenen Augen, um zu vergessen, dass sie nicht allein sind. Ich habe einmal mitgemacht und kam mir ziemlich komisch vor. Aber vielleicht auch nur, weil ich nicht verstehe, dass man dafür eine Anleitung braucht. Effektiv heitert es das Gemüt auf zu tanzen, zu lachen und anderen in die Augen zu sehen. Wenn das manche verlernt haben, sollen sie gern Kurse besuchen, die ihnen die Natürlichkeit dieser Sachen bewusst macht. Es ist ein kleiner Beitrag, die Welt ein bisschen freundlicher zu machen, indem Menschen wieder aufeinander zugehen.

Als ein Kind der Loveparade weiss ich, Tanzen verbindet. Und Musik ist die Basis. Auf meiner Reise werde ich sicher Menschen treffen, die das leben.

 

Ich kann kaum erwarten, dass es endlich los geht. Ob ich in einem Land hängenbleibe, in dem die Menschen miteinander leben statt nebeneinander, kann ich noch nicht sagen. Aber ich werde darüber schreiben und Du kannst meine Reise verfolgen.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

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