Flohmarkt des Lebens.

October 6, 2018

Besitz bedeutet mir nichts. Gemäss dem Credo habe es mir total romantisch vorgestellt, all mein Hab und Gut vor meiner grossen Reise zu verscherbeln und ganz leicht in einen neuen Lebensabschnitt zu starten. Ein Ziel meiner Reise ist, mehr nach meinen Werten zu leben. Weg von Konsum, Statussymbolen und Narzissmus, hin zu Nachhaltigkeit, Teilen und Nächstenliebe.

 

Das klingt schön, zumindest in meinen Ohren. Wie schmerzvoll, anstrengend und frustrierend das Ganze aber ist, habe ich mir vorher nicht überlegt. Wie gut, dass ich 4 Monate vor meiner Abreise schon mal üben kann. Meine Eltern verkaufen ihr Haus. Zu viel Platz und zu wenig Kultur haben nach Jahren des Grübelns zu dem Entschluss geführt. Ich habe mir eine Woche frei genommen, um sie beim Entrümpeln und Verpacken zu unterstützen und einen Garagen-Flohmarkt zu organisieren, bei dem alles Übrige vor der Haustür verschenkt oder verkauft wird, was online keinen Abnehmer gefunden hat.

 

Durch diverse Verkäufe meiner eigenen Sachen habe ich inzwischen reichlich Übung im Verticken von Gebrauchtwaren. Ich bin gefasst darauf, dass das Handy am ersten Tag Sturm piept und ich aus den uncharmanten kurzen SMS einen Gewinner herauspicke, der dann 3 Mal absagt, bevor ich den Zuschlag doch dem penetrantesten und unfreundlichsten Interessenten gebe, der sofort mit dem Transporter vorfährt und auch gleich alle anderen gratis inserierten Artikel mitnimmt. Ich schlucke den schalen Beigeschmack herunter, den diese Abgabe an einen raffgierigen Schnäppchenjäger mit sich bringt und schiebe den Gedanken beiseite, wie sehr sich eine bedürftige Familie über die vielen funktionstüchtigen Sachen gefreut hätte.

 

Manchmal leiden Ideale eben unter dem Zeitdruck eines Umzugs. Um dem zu entgehen, habe ich für meinen eigenen Hausrat eine Strategie entwickelt, die all diese Unannehmlichkeiten umschiffen und mich mit einem guten Gefühl gehen lassen soll. Anstatt alles einzeln zu verkaufen - und einzeln bei einem kompletten Haushalt bedeutet hunderte Transaktionen - habe ich den Traum eines einzigen grossen Abnehmers. Ich habe meine Wohnung mit allen Möbeln und Gegenständen inseriert und hoffe auf mein Gegenstück. Eine Person, die in die Stadt ziehen möchte und selbst noch keinerlei Besitz hat. Jemand, der meine Wohnung genauso toll findet wie ich und dem ich sie in gute Hände gebe. Und der empfangene Pauschalbetrag füllt meine Reisekasse auf. Win win.

 

Da sich in dem Haus meiner Eltern in den letzten Jahrzehnten so viel Unnützes angesammelt hat, können wir dieses Konzept nicht übernehmen, bleiben bei der Flohmarktidee und verteilen Flyer in der ganzen Gegend. Dass die Aktion auf jähes Interesse stösst, sehe ich an den Nachbarn, die schon drei Tage vor dem Flohmarkt fragen, ob sie nicht schon vorab ein paar Sachen haben könnten. Selbst wenn wir wollten, können wir dem Wunsch nicht nachkommen, denn bis kurz vor dem Start feilschen meine Eltern noch um die gegenseitige Erlaubnis, ein paar der ausrangierten Sachen doch noch behalten zu dürfen. Ich selbst spiele dabei den Mediator und bin erstaunt, um was für unscheinbare Gegenstände dabei gefeilscht wird.

 

Und genau da wird es mir mal wieder bewusst. Der Wert eines Gegenstandes hat nichts mit dem eigentlichen monetären Wert zu tun. Ein daumengrosses, singendes Kuscheltier kann viel wertvoller sein als eine teure Uhr. Ich bin gespannt, über welche meiner eigenen Sachen ich noch stolpern werde, bei denen ich es nicht übers Herz bringe, sie zurück zu lassen. Gut, dass mir meine Schwester in weiser Voraussicht einen Unterstellplatz für ein paar meiner Sachen versprochen hat.

 

Ob sich mein Traum erfüllt und ich einen begeisterten Nachmieter finde und was für Stolpersteine noch auf meinen Weg bis zur Abreise im Februar auf mich warten, schreibe ich Dir bald.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

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