Erwachsen werden - auf die britische Art.

October 21, 2018

 

Mit 20 die englische Hauptstadt zu erobern ist ein Abenteuer. Obwohl ich damals schon seit 4 Jahren auf eigenen Füssen stand, hat mich dieses Jahr an meine Grenzen gebracht und mir einen ganz speziellen Anstrich verpasst, der heute immer noch durchschimmert. 

 

Es war die erste Destination ohne Ablaufdatum. Ich folgte einfach meinem Bauchgefühl, als eine Freundin mich einlud, sie zu besuchen. Ich reiste gleich mit grossem Gepäck an. Unerschrocken und mit dem aufregenden Kribbeln eines neuen Lebensabschnitts machte ich mich auf den Weg. Und blieb. London war so viel aufregender als Berlin. Plötzlich war ich zum ersten Mal Ausländerin in dem Land, in dem ich lebte. In Berlin riss ich mich immer um Unterhaltungen mit internationalen Besuchern. Jetzt war ich selbst einer von ihnen. Umgeben von so einer Vielfalt an Nationalitäten, dass es mir schwindlig wurde.

 

Ich sah die schillernden Gestalten und kämpfte mit der eigenen Unsichtbarkeit, die eine anonyme Grossstadt einem auferlegt. Ich kam das erste Mal mit Selbsthilfebüchern in Berührung. Nirgends zuvor hatte ich eine derartige Auswahl gesehen. Die Briten schienen ein Volk der Eigenverantwortung zu sein und ich liess mich in ihrem Fahrwasser treiben. Ob Magazine, Bücher oder Reportagen, alles drehte sich um die Selbstoptimierung in 10 Schritten, 3 Tagen und ganz ohne zu hungern, zu lernen oder sich zu bewegen.  

 

Bei einem Kinobesuch begegnete ich meiner Selbsthilfe-Ikone. Bridget Jones. Ich war allein unterwegs und irgendwie inspirierte mich das Filmplakat dazu, mich allein in den Saal zu setzen und ihr hallo zu sagen. Sie holte mich ab von der ersten Sekunde. Ich fühlte mich seelenverwandt mit dieser tollpatschigen, rauchenden, trinkenden, von Selbstzweifeln gequälten und trotzdem so erfrischend ehrlichen Person voller Tatendrang sich zu perfektionieren, um die wahre Liebe zu erfahren. Ich schleppte eine Freundin nach der anderen in den Film und steckte alle mit meiner Begeisterung an. Nie zuvor und danach war ich 14-mal im gleichen Film. Ich fühlte mich auf einmal verstanden. Den ständigen Kampf um Aussehen, Gewicht, Intelligenz und Akzeptanz beim anderen Geschlecht trug jede Frau aus. Jede hatte ihren eigenen Masterplan der Quälerei. Das rote Tagebuch, in dem Bridget mal mehr und mal weniger ehrlich ihre Erfolge dokumentierte, wurde ihr Markenzeichen und ich kopierte das ungeniert. Genau dieses Buch fiel mir beim Umzug meiner Eltern in die Hände. 

 

Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Zu verfolgen, wie meine Freunde zu meiner Familie wurden. Eine grosse WG von Alleinreisenden, die sich gefunden hatten. Engländer, Australier, Japaner, Schweizer und Deutsche unter einem grossen Dach in kleinen Zimmern. Wenig Platz, viel Spass und auch viele Tränen. Dies zu lesen, war wie selbst Teil eines Films zu sein. Wir alle gaben uns voll und ganz unseren Gefühlen hin - mit Verstärker. Der Mann beim ersten Date konnte nur der Traummann sein oder ein kompletter Loser. Dazwischen gab es einfach nichts. Nächtelang wurden Gespräche, Blicke und Nachrichten analysiert und an einer passenden Taktik gefeilt, den Auserkorenen für sich zu gewinnen. Zitate von Bridget waren dabei an der Tagesordnung. Da wir die Filmdialoge auswendig konnten, war die Auswahl vielfältig.

 

Auch wenn die Zeit dramatisch war, sind mir nur die guten Dinge in Erinnerung geblieben. Clubabende bis in die Morgenstunden mit anschliessendem Gruppenbesuch im Internetcafé, in dem wir alle nebeneinander die Abenteuer der Woche unseren Familien schrieben. Um diese ungewöhnliche Zeit war der Internettarif am günstigsten. Stundenlanges Bücherlesen im Starbucks Coffeeshop - irgendwer aus dem Freundeskreis arbeitete immer in einem der Stores und verteilte gratis Refills. Weihnachten feierten wir alle gemeinsam - mein erstes weg von zu Hause und eines meiner schönsten. Denn wir waren alle gestrandet und füreinander da. Unglaublicherweise war das öffentliche Verkehrsnetz in London an den Weihnachtstagen ausser Kraft. Dies verstärkte die Magie dieser Tage. So blieben wir in unserem Viertel, assen, tranken, feierten. Jeder trug etwas Traditionelles seiner Kultur zu unserem Fest bei.  Wir wollten unsere Liebe teilen und suchten Obdachlose, um ihnen hübsch drapierte Süssigkeitenpakete zu schenken. Leider gab es in unserem wohlhabenden Stadtteil nur wenige und so gaben wir am Ende alle Pakete an einen Streuner, der sich riesig über die Bescherung freute.

 

In diesem Jahr wurde ich erwachsen. Ich lernte, in einem fremden, hektischen Land zu überleben. Mit wenig Geld unbezahlbare Momente zu erleben - obwohl mich mein Kontostand letztendlich wieder nach Deutschland trieb. Ich erkannte die Bedeutung von Freundschaften und das Privileg, Menschen aus aller Welt zu meinen Freunden zählen zu können. Und ich lernte, dass mich trotz all meiner Imperfektion, die ich in meinem roten Buch dokumentierte, Menschen so liebten wie ich bin. Auch Bridget hat das am Ende erfahren und lebt seitdem happily ever after...

 

Meine rotes Buch ist inzwischen ein blaues und meine Selbstzweifel bekämpfe ich mit Geduld und Selbstliebe anstatt mit Quälerei. Aber das Schreiben ist seither mein treuer Begleiter. Beim Fotoshooting für diesen Blog habe ich mich wohl ein bisschen von Bridget inspiriert gefühlt. Die Ähnlichkeit zum Filmplakat ist mir erst jetzt aufgefallen :) Auch wenn sich unsere Ikonen im Leben verändern, so bleibt doch immer ein kleiner Teil von ihnen in uns. Sie inspirieren und trösten uns.

 

Wer weiss, ob ich ohne dieses prägende Jahr zu dem Freigeist geworden wäre, der ich heute bin. Wo die Reise hinführt und welche neuen Ikonen meinen Weg begleiten, weiss ich noch nicht. Aber ich werde Dir davon berichten.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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