Sag mir nicht, was ich nicht kann!

November 4, 2018

 

Nie in meinem ganzen Leben habe ich stärker für meine Intuition gekämpft. Und noch nie habe ich so einen grossen Sieg gefeiert wie mit der Heilung meines zweiten Bandscheibenvorfalls. Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, wäre meine Wirbelsäule inzwischen ein Ersatzteillager und ich wäre sechs Monate arbeits- und wohl auch gesellschaftsunfähig gewesen. Ich aber wusste, ich kann es schaffen, ohne mir den Rücken aufschneiden zu lassen. Aber niemand glaubte mir.

 

Da können wir nur operieren – dieser Satz klingt mir noch in den Ohren. Mit Mitte 30 hatte ich meinen zweiten Bandscheibenvorfall und wurde schmerzhaft an Monate voller Frust und Tränen vom ersten Mal erinnert. Damals war ich 27 und trainierte fast jeden Tag. Sport war ein wichtiger Teil meines Lebens. Damals galt meine grosse Leidenschaft dem Kickboxen. Der Mix aus hartem körperlichen Training, mentaler Kräftigung und Disziplin zog mich in den Bann. Und war genau die richtige Vorbereitung für das, was kommen sollte. Nach dem ersten Unfall brauchte es ein halbes Jahr, bis ich mit viel Physiotherapie und Geduld schmerzfrei war. Ich weiss noch, wie mir meine Therapeutin beim ersten Besuch sagte, wir müssten meine Core-Muskeln stärken. Bei 100 Sit-ups täglich konnte ich nicht glauben, dass meine Bauchmuskeln nicht stark genug sein sollten. Ich war fast ein bisschen beleidigt und merkte aber schnell einen Unterschied, als wir ihre Übungen ins Training einbauten.

 

In dieser Zeit lernte ich eine Frau kennen, die sich viel mit Astrologie und Spiritualität beschäftigte. Ich ging regelmässig mit ihr spazieren und sie erklärte mir, dass so ein Bandscheibenvorfall immer eine grosse Warnung sei, sein Leben mal zu hinterfragen. Der Rücken würde sinnbildlich unter einer starken Last zusammenbrechen. Und diese Last war nicht das schwere Paket, das ich unaufmerksam von rechts nach links gehoben hatte und das dabei die Bandscheibe verletzte, sondern etwas, das ich schon lange mit mir rumtrug. Es war schwer zu verstehen, dass ein so realer Schmerz von seelischem Druck verursacht worden sein sollte. Je öfter wir uns aber trafen und mein Leben durchleuchteten, desto klarer wurde, dass ich in meiner Partnerschaft sehr unglücklich war und mich nicht traute, mich zu trennen. Ich hatte noch nie eine Beziehung von mir aus beendet und ich arrangierte mich lieber, als es auszusprechen. Dass sich dieses ständige Verbiegen auch wortwörtlich auf meine Wirbelsäule auswirkte, war unbegreiflich. Es brauchte etwas Zeit, aber ich trennte mich letztendlich, und mit der Heilung meines Rückens heilte auch meine Seele.

 

Sieben Jahre später schlug der Blitz erneut ein. An genau der selben Stelle und schmerzhafter als zuvor. Ich hatte gerade meinen Traumjob gestartet in einer Firma, in der Sport gelebt wurde. Ich war so motiviert und startete mit Vollgas in die neue Herausforderung. Meine Ansprüche an mich selbst waren riesig. Nicht nur an die berufliche Aufgabe, sondern auch an die sportliche Entwicklung. Über Mittag ging ich jeden Tag mit Kollegen rennen oder trainierte im firmeneigenen Gym. Noch in der Probezeit hatte ich auf einmal Rückenschmerzen. Ich ging zum Arzt, der mir einen erneuten Bandscheibenvorfall diagnostizierte. Ich weiss noch, wie ich mich freute, dass es diesmal gar nicht so schlimm war wie beim letzten Mal. Ich verzichtete ein paar Tage auf den Sportlunch und arbeitete weiterhin viel. Zwei Wochen später bekam ich die Quittung. Ich konnte mich nicht mehr richtig aufrichten. Ich hatte die Warnung ignoriert und jetzt war es schlimmer als je zuvor. Ich konnte nicht mehr arbeiten, obwohl ich in der heissen Phase eines grossen Projektes steckte und hatte Angst, in der Probezeit entlassen zu werden. Das wollte ich verhindern und deshalb liess ich es nicht zu, dass ich in Selbstmitleid versank. Ich riss mich am Riemen und besuchte verschiedene Ärzte, die mir alle rieten, mich sofort operieren zu lassen. Obwohl ich die Erfolgsgeschichte des letzten Males erzählte, glaubten sie nicht, dass mir dies ein weiteres Mal gelingen würde. Vor Allem, weil ich inzwischen einiges älter war. Das konnte ich nicht glauben und wechselte zu einem anderen Arzt, ohne auf Verständnis zu stossen. Auch bei meinen Physiotherapeuten war es nicht anders. Sie behandelten mich wie jeden anderen Patienten und nahmen keine Rücksicht darauf, dass ich die Übungen, die sie mir zeigten, bereits seit Jahren jeden Morgen machte und sie mich nicht weiterbrachten. Ich engagierte einen Personal Trainer, der mir aber zu viel abverlangte und meine Verletzung nicht ernst genug nahm.

 

Ich war so frustriert. Das Warten machte mich wahnsinnig. Eines Tages bekam ich einen Termin bei einem Spezialisten, 100 km entfernt. Schon beim ersten Besuch merkte ich den Unterschied. Der Mann hörte mir tatsächlich zu! Allein das Vorgespräch dauerte länger als bei den anderen der ganze Besuch. Er machte mir zwar nicht allzu grosse Hoffnungen auf konservative Genesung, aber er wollte mich unterstützen, es auf meine Art zu versuchen. Den schlimmsten Schmerz betäubte er mit Cortison und verhalf mir damit zu einer weniger schmerzhaften Zeit, die ich für das Testen alternativer Heilkonzepte nutzte. Ich suchte mir einen neuen Personal Trainer. Diesmal eine Frau, die sich auf Frauen spezialisiert hatte und ausgebildete Physiotherapeutin war. Ich trainierte zweimal wöchentlich mit ihr und wir machten Babyschritte. Sie verstand es aber, mir Erfolgsmomente zu verschaffen mit Übungen, die mir leicht fielen und die mich von den deprimierend langsam vorangehenden Fortschritten ablenkten. Sie empfiehl mir eine TCM-Therapeutin und ich ging zu meiner ersten Akupunktur-Behandlung. Das war vier Monate nach dem Bandscheibenvorfall der erste schmerzfreie Moment. Plötzlich sah ich Licht am Ende des dunklen Tunnels und das stachelte mich noch mehr an, dranzubleiben. Ich trainierte diszipliniert und die Fortschritte kamen jetzt schneller. Ich war so motiviert. Auch mein Arzt bemerkte die Veränderung und unterstützte mich tatkräftig. Die Übungen, die ich von meiner Trainerin gezeigt bekam, wiederholte ich an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Hatte ich noch vor einem Monat nur eine Minute am Stück rennen können, waren es schnell zehnmal so viel bei höherer Geschwindigkeit.

 

Je mehr Erfolge ich hatte, desto motivierter war ich. Eine Spirale nach oben. Und allem voran wuchs das grandiose Gefühl, es allen gezeigt zu haben, die nicht an mich geglaubt hatten. Die Intervalle mit meiner Trainerin wurden weniger und die Akupunkturbehandlungen waren fixer Teil meiner Woche. Die Schmerzen waren bald weg und auch das Taubheitsgefühl wurde erträglicher.

12 Monate dauerte es, bis ich völlig frei von Problemen war und 15 Monate, bis ich meinen allerersten Halbmarathon lief. Ein solches Glücksgefühl hatte ich selten zuvor erlebt. Auch im Job hatte ich eine gute Balance gefunden. Ich wurde nicht entlassen. Ganz im Gegenteil, ich wurde befördert.

 

Wir wachsen an den Aufgaben, die uns das Leben gibt. Selten habe ich das so klar gesehen wie in diesem Fall. Auch wenn der Weg lang und frustrierend war, so habe ich aus der Situation so viel gelernt. Auf meine Intuition zu vertrauen und dafür zu kämpfen. Auch wenn ich am Anfang nicht wusste, wie ich es schaffe, so wusste ich, dass ich es schaffe. Ich muss nur vertrauen und einfach losgehen. Und dieses Vertrauen habe ich auch jetzt, wenn ich losziehe, um einen neuen Platz auf dieser Welt zu finden. Mein Bauchgefühl hat mir ganz klar signalisiert, dass ich etwas ändern muss. Und ich folge ihm. Und Du kannst meiner Geschichte folgen.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

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