Was kostet die Welt?

November 11, 2018

Als ich das letzte Mal auf etwas gespart habe, war ich 15. Damals wollte ich unbedingt dieses eine Paar Turnschuhe haben und mein Taschengeld reichte nicht aus. Also musste ich kreativ werden. Ich verteilte Prospekte und hörte auf, Geld für unnütze Sachen auszugeben. Es machte richtig Spass, zu beobachten, wie der Notenstapel grösser und grösser wurde und als der letzte Zahltag kam, nahm ich stolz mein Geldbündel und tauschte es gegen die heissbegehrten Schuhe. Ich trug sie bis sie auseinanderfielen und war mir immer ihres Wertes bewusst, weil ich sie so hart erarbeitet hatte.

 

Ich habe nie Geld aus dem Fenster geschmissen, aber darauf achtgegeben habe ich auch nicht wirklich. Irgendwie war es immer zur Genüge da. Und damit meine ich nicht, dass es auf Bäumen gewachsen wäre und ich es mir nicht erst verdienen musste. Meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich kein Geld ausgebe, das ich nicht habe. Ganz einfach. Ich habe noch nie einen Kredit aufgenommen und nie einen Cent vom Dispo angerührt. Und ja, ich habe in der Tat ein Sparkonto, auf das mehr oder weniger ambitioniert ein Teil meines Gehalts gewandert ist. Seit ich 16 bin, verdiene ich mein eigenes Geld und irgendwie ist mein Lebensstandard mit den Gehaltsstufen mitgewachsen. Ganz heimlich und unaufgeregt. Ich habe nie über meinen Verhältnissen gelebt, meine Verhältnisse haben sich angepasst.

 

Und nun spare ich zum ersten Mal ernsthaft - auf ein Leben ohne Gehalt. In Stufe 1 spare ich, um mit gutem Gefühl in mein Abenteuer Welt zu starten, in Stufe 2 bin ich dann mitten im Abenteuer und lebe sparsam, um möglichst lang vom angehäuften Geld aus Stufe 1 leben zu können. Während ich das schreibe, wird mir bewusst, dass ich noch nie so oft das Wort “Geld” verwendet habe. Mir wird fast ein bisschen mulmig, wenn ich daran denke, dass ich jahrelang so sorglos damit umgegangen bin. Ich bin in den nahegelegenden Supermarkt gegangen, weil es am bequemsten war. Ich habe alles in den Korb gelegt, worauf ich Lust hatte. Ich kann weder sagen, was ein Liter Milch kostet, noch ein Stück Fleisch. Wenn mich Freunde aus Deutschland in der Schweiz besuchen, sind sie über die Preise schockiert. Wenn ich mal verglichen hätte, wäre mir das sicher auch aufgefallen.

 

Ich schäme mich fast ein bisschen, wie unbekümmert ich gegenüber diesem Thema war. Jetzt, wo ich ein festes Monatsbudget festgelegt habe, welches ich regelmässig stolz unterbiete, stelle ich mir vor, wie reich ich inzwischen wäre, wenn ich nur ein bisschen bewusster gelebt hätte. Ich habe nie ein Auto gehabt und keine teuren Hobbies oder Vorlieben für wertvollen Schmuck oder Kleidung. Obwohl ich mich vor einigen Jahren bewusst gegen blinden Konsum entschieden habe, gegen Lustkäufe und Billigmodetrends, hat das mein Konto nicht gespürt. Ich habe weniger, aber qualitativ höher und dementsprechend teurer eingekauft. Im Supermarkt bin ich den Trends gefolgt. Neue Superfoods sind sofort in meinem Korb gelandet. Regional, Bio, Nachhaltig, Gegen Überfischung - die Weltretterzertifikate zierten die Produkte meiner Wahl. Ich bin das klassische Marketingopfer, und das, obwohl ich selbst ein Marketeer bin und die Tricks alle kenne. Eine gute Freundin hat sich gegen ihren gut bezahlten Job entschieden und 4 Jahre lang eine Ausbildung gemacht, in der sie ein Drittel von meinem Gehalt verdient hat. Als sie mir erzählte, dass sie selbst davon noch eine beträchtliche Summe zur Seite legt, um in den Ferien 6 Wochen zu reisen, war ich total beeindruckt. Ich frage mich, wohin mein ganzes Geld geflossen ist.

 

Mein Luxus war die Sorglosigkeit. Grosszügig und spontan sein zu können. Ich liebe Gesellschaft und Action. Ich habe einen grossen Freundeskreis, mit vielen Weltenbürgern wie ich es bin, die über den ganzen Erdball verteilt sind. Und die möchte ich sehen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und oft habe ich das so kurzfristig entschieden, dass die Flugpreise dementsprechend horrend waren. Doch das war es mir immer wert. Das ist eben der Preis, wenn man ein Leben fernab seiner Heimat wählt. Aber auch in der Schweiz habe ich soviel ausprobiert und erlebt. In den elf Jahren, die ich hier bin, habe ich das Land wirklich gut kennengelernt und viel unternommen. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, finde ich es komisch, wenn man die Rechnung teilt. Also habe ich sie oft übernommen. Das geht meist auf, wenn der andere beim nächsten Mal zahlt. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, weil man einfach eine gute Zeit hat.

 

Das Ausgehen einzuschränken und Freunde nicht mehr einzuladen, ist meine grösste Herausforderung. Da mir nur noch 3 Monate in Zürich bleiben und ich nicht weiss, ob ich je zurückkehren werde, möchte ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Und genau jetzt merke ich, wie teuer die Stadt ist! Jede Restaurantrechnung, die ich in meiner Haushalts-App eingebe, macht mir das schmerzlich bewusst. Anfangs hatte ich grosse Mühe mit dem Gefühl, mich einschränken zu müssen. Immerhin hatte ich während meines Coachings gelernt, dass man anzieht, was man im Fokus hat. Ich hatte Angst, durch das Leben im Mangel automatisch Mangel anzuziehen. In einer spontanen Sitzung mit einer frisch gebackenen Lebenstherapeutin lenkte sie meinen Blick wieder auf die anstehenden grossartigen Projekte. Plötzlich war ich nicht am Sparen, sondern am Investieren. In eine grossartige Zukunft voller Fülle.

 

Wenig Geld auszugeben und viel einzunehmen ist zu einem Spiel geworden. Und ich gewinne gern beim Spielen. Deshalb ist jedes Schnäppchen ein Triumph und jeder Verkauf bei Ebay ein Vergnügen. Statt Zeit mit Freunden in Restaurants zu verbringen, haben wir einen gemeinsamen Stand auf dem Flohmarkt, veranstalten Kleidertauschs und besuchen Workshops zum Thema Geldanlagen. Und je voller die Reisekasse wird, desto mehr Einnahmequellen tauchen aus dem Nichts auf. Meine Haushalts-App ist zu meinem besten Kollegen geworden. Ich freu mich auf den Kassensturz im Februar und auf das Gefühl, wenn ich im Flugzeug sitze und meinem neuen Lebensabschnitt entgegenfliege. Ich weiss dann, ich habe es mir verdient.

 

Ich bin froh, dass mir diese Reise schon jetzt ganz andere Perspektiven des Lebens aufzeigt. Und auch, dass Du mich beim Entdecken begleitest. Ich halte Dich auf dem Laufenden.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

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