Die Macht der Natur.

November 25, 2018

Berge oder Meer? Ich wurde mal gefragt, was für ein Typ ich sei. Zwischen diesen beiden Naturszenen zu wählen ist wie die Wahl zwischen Vater und Mutter - schlicht nicht möglich. Beide strahlen eine unbändige Kraft aus und beeinflussen ihre Besucher auf eine magische Art und Weise. Es ist krass, wie etwas nur durch seine reine Anwesenheit eine so starke Wirkung auf alles um sich herum haben kann.

 

In der Reinheit der Natur spürt man die eigene Reinheit. Beim Blick auf die Berge und dem Klang der absoluten Ruhe fallen für den Moment alle Äusserlichkeiten von Dir ab. Die Natur behandelt jeden gleich. Sie lässt Dich teilhaben, wenn Du zuhören willst. Hattest Du auch schon mal ein Gespräch mit einem ganz alten Menschen? Hast Du die Ruhe gespürt, mit der er gesprochen hat und mit welcher Klarheit er das Leben gesehen hat? In solchen Gesprächen merke ich immer, dass ich eigentlich noch ein Kind bin, das alles ausprobieren muss, das rastlos und ohne Vertrauen dem Glück hinterherrennt. Ein alter Mensch aber hat den Punkt des Suchens überschritten. Er empfängt einfach nur und ist dankbar für jeden Tag, der ihm geschenkt wird. 

 

Auch die Berge tragen die Weisheit von Millionen Lebensjahren in sich. Sie haben Naturgewalten überstanden und die verschiedensten Spezies zu Besuch gehabt. Sie sind immer noch täglich rauhen Gefahren ausgesetzt, doch dies ändert nichts an ihrer Ausrichtung. Und geht es dem Meer anders? Fernab von den Stränden, an denen sich Menschenmassen aufführen, als sei der Strandabschnitt ihr ganz eigener Pool, spürt man seine Urkraft. Ich liebe die ursprünglichen Felsenküsten, an denen sich die Wellen brechen und die Luft kraftvoll vibriert. Stundenlang kann ich dort sitzen und das Schauspiel beobachten. Denn erst wenn Du Deine Gedanken ziehen und Dich treiben lässt, begreifst Du Deine Unwichtigkeit gegenüber der majestätischen Anmut der Natur. Du begreifst, dass Du ihr Untertan bist. Sie ist nicht da, um Dir zu dienen. Sie wird Dich und die Menschheit überleben. Aber sie kann die Menschheit zerstören. Und das nicht aus Bosheit, denn die kennt sie nicht. Nein, sie würde nur aus Notwehr handeln. 

 

Jedem einzelnen ist sie sanftmütig gegenüber eingestellt. Und so schenkt sie regelmässig Momente, die man nicht selbst kreieren kann. Einsam durch ein nebliges Tal zu spazieren und plötzlich das Aufreissen der Wolken zu erleben, und die Sonne, die das Tal in ein magisches Licht taucht. Diese Geschenke zu empfangen, obwohl man gerade noch die eigene Unwichtigkeit gespürt hat, zeigt, dass es nicht schlimm ist, sich einem System unterzuordnen, das seit Jahrtausenden besteht und das auch Individuen reich beschenkt. Alle Naturvölker haben sich immer nach der Natur gerichtet, haben sogar Götter der einzelnen Phänomene geschaffen, denen sie gedient haben. Und wurden im Gegenzug mit allem beschenkt, was sie zum Leben brauchten. Und tun das bis heute, wofür sie von der westlichen Gesellschaft belächelt werden.

 

Doch wohin zieht es den Zivilisten, wenn er sich vom Alltag erholen möchte? In die Natur und die sollte möglichst unberührt sein. Plötzlich stört sich derjenige, dem Naturschutz, Klimaerwärmung und Nachhaltigkeit egal sind, an Massentourismus in seinem Urlaubsort. An der Übervölkerung von Strandabschnitten und an dem Müll, der an die Ufer gespült wird oder auf Wanderwegen herumliegt. Doch anstatt daraus etwas zu lernen und umzudenken, resultiert nur Unzufriedenheit. Die Ferien über wird gemeckert und der Frust kommt wieder zurück in den Alltag, wo er sich zu einem Berg aus negativen Gefühlen anhäuft. 

 

Dabei gibt es ganz andere Szenarien, Win-Win für Mensch und Natur. Seine Ferien einem Projekt zu widmen zum Beispiel. Ich habe in Finnland an einem abgelegenen Ort, umgeben von vielen Seen und ganz viel Wald mitgeholfen, das Ferienhaus einer Bekannten auszumisten und einen Pier am Ufer zu bauen. Wir waren den ganzen Tag im Freien, haben das Grundstück von Unrat befreit und schwere Steine im See angehäuft. Das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, im Einklang mit der Natur, war unbezahlbar. Auch Strandreinigungsaktionen geben mir ein gutes Gefühl, etwas an die Natur zurückgeben zu können. Ob das vor der eigenen Haustür oder irgendwo auf der Welt ist, ob allein oder in einer organisierten Gruppe, spielt dabei keine Rolle. Und unsere Kinder können wir so sensibilisieren auf den Umgang mit der Natur. Denn so, wie wir es ihnen vormachen, werden sie es adaptieren. Es ist immer wichtiger, sie mit ins Boot zu holen, damit sie mit der Selbstverständlichkeit aufwachsen, sich für die Natur einsetzen zu müssen. Die Welt wird nicht von allein besser, jeder muss seinen Beitrag leisten, auch wenn der Nachbar es noch nicht tut. Dabei sollten wir auf die wenigen Vorbilder schauen und nicht auf die Masse an Ignoranten. Irgendwann wird das Verhältnis kippen und es wird verpönt sein, sich nicht einzusetzen. Ich stelle mir immer meinen Kraftort vor, und wie er irgendwann aussieht, wenn sich niemand für den Erhalt der Natur einsetzt.

 

Hast Du einen Kraftort? Einen Platz an den Du gehst, wenn Du nachdenken willst? Für die meisten ist das ein Ort in der Natur mit freiem Blick und Ruhe. Mein persönlicher Ort ist hier in der Schweiz und wann immer ich dort bin, verankere ich das Gefühl, das der Blick auf die Berge und den See in mir auslöst. Dieses Bild und das damit verbundene Gefühl kann ich dann im Alltag wieder abrufen, wenn ich einen Moment der Ruhe brauche.

 

Bald werde ich einen neuen Kraftort suchen, denn die Schweiz ist dann zu weit weg. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich einen neuen Punkt gefunden habe, der die gleiche Wirkung auf mich hat. Und ich werde genau hinsehen, wie das Thema Nachhaltigkeit und Naturschutz in anderen Kulturen gelebt wird. Ich werde Dir davon berichten und freue mich, dass Du meine Geschichte verfolgst.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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