Lass mich rein.

December 9, 2018

Wir alle haben diesen Schutzraum um uns herum. Wir entscheiden ganz allein, wen wir hereinlassen und wie weit. Wir fühlen uns sofort unbehaglich, wenn uns ein Fremder zu nah kommt. Wenn jemand körperlich zu eng steht und unsere intime Zone stört. Im Alltag führt das nicht selten zu unangenehmen Situationen. Zur Rushhour in der Bahn, am Samstagmorgen an der Supermarktkasse oder am Flohmarkt an einem Sonnentag - plötzlich sind wir eingeklemmt zwischen Menschen, riechen ihr Parfum oder ihren Schweiss, spüren ihre Kleider auf der Haut und sehen jedes Detail ihres Gesichtes. Die andere Person wird uns ohne unsere Erlaubnis einfach aufgezwängt. Das ist für viele Menschen eine echte Zerreissprobe. Aber es ist Teil unseres Alltages und selten bedrängt uns jemand in solchen Situationen mit Absicht und oft fühlt sich der andere genauso gestört.

 

Um dem Stand zu halten, haben wir uns diese kalte Ignoranz antrainiert. Die erzwungene Nähe ist besser erträglich, wenn wir uns mit Kopfhörern abkapseln, uns mit Musik aus der Realität schleichen, Emails schreiben, Videos schauen oder mit Menschen chatten, die kilometerweit entfernt sind. Wir tun alles, um uns nicht mit der Situation auseinander zu setzen, in der wir uns befinden. Wir sehen nicht die Persönlichkeiten in dem Menschengedränge und vermeiden jedes Gespräch. 

 

Die körperliche Nähe steht im kompletten Gegensatz zu der geistigen Entfernung. Wir schauen durch andere Menschen hindurch und leben in unserer eigenen Welt. Einander ein Lächeln zu schenken, wird als anmassend empfunden, ein Gespräch zu suchen, als aufdringlich. Dabei verwehren wir uns damit den interessantesten Begegnungen und den rührendsten Geschichten. 

 

Ab und an versuche ich die Menschen aus der Reserve zu locken, in dem ich sie einfach anschaue. Im Zug fällt jemand, der nicht permanent auf sein Handy schaut, sondern die Menschen in seiner Umgebung beobachtet, sofort auf. Und somit werde ich wahrgenommen, das weiss ich. Wenn man sich auf die Situation einlässt, spürt man die Antwort des Gegenübers, ohne dass er sich bewegt. Manche Menschen haben Angst, sind verunsichert und manche einfach gereizt. Wenige lassen sich von mir ablenken und schauen zurück. Teilweise so kühl, dass ich selbst wegschaue. 

Dem Blick eines Fremden standzuhalten, ist schwer. Die Situation durch ein Lächeln in eine schöne Begegnung zu verwandeln, braucht viel Überwindung. Wenn mich jemand anschaut, habe ich oft das Gefühl er möchte mich anmachen. Und dann ärgere ich mich jedesmal über meine eigenen Vorurteile. Es ist toll, wenn jemand sein Interesse offen bekundet und solche Menschen sollten belohnt werden. Meistens hat derjenige einfach gute Laune und möchte andere daran teilhaben lassen.

 

Ich bin für das Aufeinander zugehen. Ich bin für die Verbreitung von guter Laune. Ich bin für das Auflockern der Anonymität. Aber selbst damit anzufangen, ist keine leichte Aufgabe. Aber ich habe sie in Angriff genommen. Im Sommer habe ich an einem Experiment teilgenommen. In einem Park in Zürich trafen sich Fremde, um sich eine Minute lang in die Augen zu sehen. Auf mitgebrachten Decken sassen wir und hielten Ausschau nach guckwilligen Partnern. Mein erstes Mal war beruhigend. Marokkanische braune Augen nahmen mir meine Nervosität und ich spürte, dass es dieser ältere Mann gewohnt war, Menschen anzuschauen. Er liess mich rein, sein Schutzwall war deaktiviert, ich konnte sein Wesen erkennen. Ich versuchte mein Bestes, seinem warmen Blick standzuhalten und es gelang mir. Nach der Minute, die jeweils durch einen Gong der Tonschale beendet wurde, umarmten wir uns und redeten. Dieser lange Blick in die Tiefe seiner Augen, gab mir das Gefühl von Vertrauen und ich wollte mehr über die Person erfahren. Nach einem sehr tiefgründigen Gespräch war ich angespornt und wollte in möglichst viele Seelen schauen. Ich dachte jede Begegnung wäre so spannend wie diese. Das Spannende war aber in Wirklichkeit, dass jeder Augenkontakt anders war und einige ohne jegliche Gefühlsregung. Ich habe gelernt, dass sich Seelen erkennen, die die selbe Sprache sprechen ganz ohne zu reden. Meine grösste Herausforderung ging ich zum Schluss an. Ein Mann war mir von Anfang an unangenehm aufgefallen und genau den schnappte ich mir. Ich hatte kein Wort mit ihm geredet und konnte nicht genau sagen, warum ich ihn so unsympathisch fand. Ich wollte herausfinden, ob dieses Gefühl sich verstärken oder verschwinden würde. Die Minute mit ihm war lang und unangenehm. Am Liebsten hätte ich abgebrochen. Unsere Köpfe waren nur zwanzig Zentimeter auseinander und ich wollte ihn von Anfang an einfach nur wegstossen. Ich hielt durch und ging danach sofort weg. Mein Gefühl hatte sich bestätigt.

 

Höre auf Deine Intuition! Ihre Wurzeln liegen hunderttausende Jahre zurück und sie hat einen Grund. Den müssen wir nicht immer verstehen aber sie beschützt uns vor Gefahr. Wenn uns ein Mensch suspekt ist, spüren wir das auch aus der Ferne. Und wenn er uns sympathisch ist, merken wir das auch schnell, ohne dass der Mensch schon etwas dafür getan hätte. Und diese Menschen kannst Du anstecken. Du kannst sie berühren, zum Lachen bringen oder dazu, Dir ihr Mitleid zu bekunden. Ich sass letztens im vollbesetzten Zug zur Arbeit und hörte meinen Lieblingspodcast. Die beiden Sprecher bekamen beim Erzählen einen endlosen Lachanfall und schaukelten sich gegenseitig nach oben. Ich konnte nicht anders als mitzulachen. Mir liefen die Tränen über die Wangen, weil mich die beiden so ansteckten. Einige Leute begannen mich zu beobachten und mussten auch lachen. Ich fühlte mich so glücklich in dem Moment und hatte den ganzen Tag ein breites Grinsen im Gesicht.

 

Lachen verbindet Menschen. Auch Fremde. Ist das so einfach? Ich wollte es ausprobieren. Mit meinem eigenen kleinen Experiment, ohne die Führung von Leuten, hinter denen ich mich verstecken konnte. Ich suchte mir einen verregneten Werktag aus und stellte mir selbst die Aufgabe, möglichst viele Leute anzulächeln und ihre Reaktion auszuhalten. Ich würde gern berichten können, dass ich an dem Tag ganz viele neue Freunde gefunden habe und mir die Menschen mit ganz viel Liebe begegnet sind, aber so war es nicht. Vielleicht lag es am Regen, vielleicht am Wochentag, jedenfalls hat kaum jemand nach oben geschaut, dem ich überhaupt mein Lächeln entgegenwerfen konnte. Ich habe mich tapfer geschlagen und freute mich riesig über jede positive Reaktion. Das vorherrschende Gefühl war aber, ein Psycho zu sein, der sein gruseliges Grinsen jedem aufdrängen will und den Menschen Angst macht. Ich war froh meine Gesichtsmuskeln zuhause wieder entspannen zu dürfen.

 

Man kann nichts erzwingen aber man kann aufmerksam bleiben für die Momente, in denen sich zwei Gleichgesinnte begegnen. Ich habe gelernt, dass ich diese Menschen von Weitem erkennen kann und dass ihr Lächeln das ist, das mein Herz wärmt. Das kann für einen kurzem Augenblick sein oder ein Leben lang. Ich nehme diese Erkenntnis mit in die Welt und werde auf meiner Reise herausfinden, ob es in anderen Kulturen leichter ist, einen Schutzwall einzureissen. Ich werde Dir davon berichten.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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