Totaler Stillstand. Der Weg zum Glück?

December 22, 2018

Das Leben passiert, während Du damit beschäftigt bist, Pläne zu machen. Doch was passiert, wenn Du damit aufhörst?​ Das sind die ersten Worte auf diesem Blog. Mein Vorhaben, keine Pläne mehr zu machen, startet für mich aber erst, wenn ich meinen Plan zur Vorbereitung des Nichtplanens umgesetzt habe. Schliesslich will eine Auswanderung gründlich durchdacht sein.

 

Und genau an dem Punkt, an dem alles im Flow ist, passiert mir das Leben. Gerade noch in vollem Tatendrang, jonglierend zwischen Job, Wohnungsübergabe, Besitzveräusserung und dem ersten Verabschieden von Freunden, liege ich kurze Zeit später in meinem Wohnzimmer und nichts geht mehr. Es ist mein zweiter Genesungsversuch. Beim ersten Mal war ich zu euphorisch und die trügerische Schmerzfreiheit verabschiedete sich sofort, als ich nach nur vier Tagen wieder meinen Pflichten nachkommen wollte und arbeiten ging. Das ging nicht lang gut und ich hatte bald mehr Schmerzen als zuvor.

 

Also ging es von vorn los. Erneut lag ich unter einer futuristischen Maschine und liess mir unter technischer Beobachtung Kortison in die schmerzende Rückenpartie injizieren. Die einzige Freude dabei war, meinen attraktiven Arzt wiederzusehen. Dabei hatte ich stark das Gefühl, dass er auch ziemlich erfreut war, mich so schnell wiederzusehen. Obwohl er diesmal streng war und mit mehr Nachdruck auf eine zweiwöchige Genesungszeit bestand. Da er meine Reisepläne kennt, nahm er die auch als Druckmittel, seine Anordnung zu befolgen. Wenn ich mich nicht daran halten würde, wäre meine Auswanderung in Gefahr. Eine Drohung, die Wirkung zeigt. 


Heute ist Tag Zehn. Inzwischen hab ich mein Krankenbett in die Heimat zu meinen Eltern verlegt. Um die Liegekette möglichst wenig zu unterbrechen, bin ich zum ersten Mal im Nachtzug gefahren. Ich war überrascht, wie angenehm und entschleunigt das Reisen im Liegewagen ist. Die zwölf Stunden Fahrt bei monotonen Zuggeräuschen und sanftem Wiegen schlief ich unglaublich gut und kam erholt in Berlin an. Ich war gespannt, was für Leute in so einem Zug reisen würden. Es waren lauter Weltenbummler, die offen für Unterhaltungen mit Fremden sind und meist in irgendeinem Land auf den Geschmack des Zugfahrens gekommen sind. Ein Mitfahrer hatte sogar dieselbe Strecke wie ich durch Kanada zurückgelegt. Meinen Rekord von 52 Stunden an Bord konnte er aber nicht überbieten. Sein Zug hatte damals nur zwei Stunden Verspätung und nicht sieben, wie meiner. Ja beim Zugfahren ticken die Uhren anders. Und beim Rumliegen auch. 

 

Tage vergehen zu schnell, Abende zu langsam. Solang es hell ist, bin ich auch im Liegen produktiv. Es gibt einen neuen Alltag, und ich habe mir eine Kommandozentrale gebaut. Alles, was ich brauche, ist in einem Radius von einem Meter um mich herum aufgebaut. Meine Eltern macht es wahnsinnig, dass ich ihre Steckdosen beanspruche, damit mir ja nicht der Strom ausgeht. Ständig funktionieren ihre Geräte nicht, weil ich den Stecker gezogen habe. Aber meine Verbindung nach draussen darf einfach nicht gekappt werden. Immerhin kommuniziere ich so mit all meinen Freunden, chatte, telefoniere oder sende ihnen Links zu Podcasts, die ich gerade höre. Und das sind viele. Ich habe Zeit, mich mit Themen zu beschäftigen, die mich seit langem interessieren, aber nicht wichtig genug waren, um im Alltag Zeit dafür zu schaffen. Und ich rede mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen habe. Ich denke nicht, dass ich im gesunden Zustand jemals die Zeit für ein intensives Gespräch mit ihnen gefunden hätte.

 

Obwohl mich das Krankenbett abschottet, bin ich manchen Menschen näher als zuvor. Auch mein Lieblingsarzt hat mich schon zweimal angerufen und ich habe sogar ein bisschen mit ihm geflirtet. Ich glaube, er geniesst die Ruhe, die gerade von mir ausgeht und ruft mich in der Kaffeepause seines stressigen Krankenhausalltages an. Das Fehlen von Bildern von "Draussen" beflügelt meine Fantasie und so bin ich Hauptdarsteller vieler schöner Geschichten und Romanzen.  Nur abends, wenn es dunkel ist - und das ist momentan viel zu früh- ist mir langweilig und ich fühl mich allein. Alle sind auf Weihnachtsfeiern, beim Glühweintrinken oder Wichteln mit Freunden und entspannen vom Tag. Ich verbringe den Abend an derselben Stelle wie schon den Tag. Das ist eine harte Probe. Also gehe ich ganz schnell schlafen.

 

In zwei Tagen ist Weihnachten. Das ist sicher die bisher ungewöhnlichste Art, das Fest zu feiern. Andererseits ging es in unserer Familie schon immer mehr um das Zusammensein als um das Einhalten strikter Rituale. Es ist harmonisch und einfach gehalten. Gutes Essen, gute Gespräche. Da fällt es nicht ins Gewicht, dass ich auf der Couch liege. Dieses Jahr ist es ganz besonders. Meine Eltern haben ihr Haus verkauft und so feiern wir im neuen Heim. Und vielleicht ist es das letzte Mal in diesem Kreis. Ich weiss nicht, wohin es mich nächstes Jahr verschlägt und in welches Land ich mich verlieben werde. Nächste Weihnachten bin ich vielleicht am anderen Ende der Welt und kann nicht einfach heim fliegen. Und so geniessen wir diese Tage intensiv. Ich bin nochmal ganz Kind und lasse mich verwöhnen und meine Eltern pflegen mich, damit ich im neuen Jahr wieder fit bin und meine Reise antreten kann. Obwohl die ganze Situation sehr an meinen Nerven reisst, bin ich glücklich.

 

Glück ist.. Dankbarkeit. Auch in schwierigen Situationen den Blick für schöne Dinge nicht zu verlieren. Um uns herum sind so viele Glücksboten. Einige sind unsere Familie und Freunde, andere sind Fremde, die uns ein Lächeln schenken, uns gesund machen, uns von ihren Reisen erzählen und uns an unsere eigenen Abenteuer erinnern. Glück sind vergangene Momente, Glück ist, die Zukunft zu kreieren, und Glück ist auch, den Moment zu geniessen. Dankbar zu sein und demütig.

 

Das zu erkennen, hat mich inspiriert, meinen Blog auszubauen. Immer wieder passieren mir zauberhafte Dinge. Flüchtige Begegnungen, die nachhaltig wirken, Schätze, die auf der Strasse liegen, Fremde, die einfach in Deine Wohnung spazieren, um Dir im Moment des Zweifelns Geborgenheit zu geben. Die Vielfältigkeit von Glück ist unendlich. Und ich zeige sie. In kleinen Glückshäppchen - Kurzgeschichten aus meinem Leben. Die schreibe ich auf. Um zu zeigen, dass Glück überall ist, und um es mit Dir zu teilen.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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