Homeless.

January 27, 2019

Sieben Kisten und drei Koffer - das ist mein gesamter Besitz. Ich habe es endlich geschafft, mein ganzes Leben in Boxen zu packen. Da ich in fünf Tagen meine geliebte Wohnung abgebe, war der Zeitdruck gross genug.

 

Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich keinen eigenen Schlüssel haben. Weder zur Eingangstür noch zum Briefkasten und nicht mal zu meinem Fahrrad. Das hätte in keine der Boxen gepasst und daher hab ich es verkauft. Ich liebe es ja, rigoros zu sein, zumindest dann, wenn ich ein Vorhaben in die Tat umsetzen möchte. Da stelle ich mich gern selbst auf die Probe und gehe hart an meine Grenzen. Liebgewonnene Sachen zu verschenken, einfach um zu sehen, wie es sich anfühlt, ist ein Teil davon. Und das habe ich in den letzten Monaten mehrfach getan. Nur ein kurzer Abschiedsschmerz war spürbar, nichts nachhaltig Negatives. 

 

Das Wunderbare ist, dass meine Wohnung, obwohl ich alles zusammengepackt habe, noch sehr gemütlich aussieht. Meine Möbel, die grossen Wandbilder, der passende Teppich und die Kissen, sogar ein paar Dekoartikel sind genau da, wo ich sie vor zwanzig Monaten platziert hab und werden auch da bleiben, wenn ich gehe. Alles ergänzt sich und ich würde es wieder genau so einrichten, wenn ich heute nochmals die leere Wohnung als weisse Leinwand hätte. Der Grund, dass ich diese Symbiose nicht in Einzelteile auseinanderreissen und weggeben muss, ist meine Nachmieterin, die mir das Schicksal geschickt hat. 

 

Sie ist mir nicht zugeflogen, nein. Ich habe hart daran gearbeitet, dass mein Wunsch wahr wird, sie zu finden. Bereits vor einem halben Jahr habe ich angefangen, nach ihr zu suchen. Als ich die Planung meiner Auswanderung startete, war mir schnell klar, dass ein grosser Meilenstein die Veräusserung meines Besitzes ist. Wer schon mal auf Tutti versucht hat, Sachen zu verkaufen, der kennt den Frust, der damit einhergeht. Ich wollte nicht am Ende in den Stress geraten, all mein Hab und Gut an undankbare Schnäppchenjäger zu verscherbeln und schaltete ein Inserat zur Wohnungsabgabe. Eine Bedingung war an die Übernahme der Traumwohnung geknüpft, sie musste mit allem Inventar übernommen werden gegen eine Abstandszahlung, die meine Reisekasse auffüllen sollte. Ich legte ganz viel Liebe in das Dossier und zeigte die magischen Momente auf, die ich hier so oft erlebt hatte. Sonnenaufgang, der durch die Balkontür vom Bett aus zu beobachten ist, das Gartenparadies Balkon im Sommer und die magischen Sonnenuntergänge im Strandkorb auf der riesigen Dachterrasse.

 

Wenn Du Liebe aussendest, empfängst Du Liebe. Dieses Prinzip funktioniert in allen Lebenslagen. Und somit verliebte sich meine Nachmieterin sofort in die Wohnung und entschied sich, darauf zu warten. Denn eigentlich hatte sie vor, schon im Herbst umzuziehen. Aber ein neues Heim ist eben nicht nur eine Anordnung von Betonwänden, sondern der Ort, an dem Dein Leben stattfindet und der es in gewisser Weise auch beeinflusst. Dafür lohnt es sich auch, ein paar Monate zu überbrücken. Meine Nachmieterin und ich hatten gleich einen Draht zueinander und haben uns sogar angefreundet. Ich gebe meine Wohnung in liebevolle Hände und kann selbst auf die Suche gehen, nach einem Ort, auf den ich mich so sehr freue, wie sie sich auf meine Wohnung, in der für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

 

Die Tür, die für Dich zugeht, geht für jemand anderen auf. Und wiederum hält Dir jemand anderes die Tür auf zu einem Ort, den er gerade verlässt. Das Leben ist Bewegung und so viele Orte wollen erkundet werden. Es ist schön für eine Zeit ohne Wohnung zu sein. Mein Fokus ist von den Sachen im Aussen zu dem Gefühl im Innen gewandert. Und da ich mich dort ganz daheim fühle, werde ich nie auch "homeless" sein.

 

Ich freue mich, dass Du meine Reise verfolgst und werde Dir von den vielen Facetten meines grossen Abenteuers berichten. Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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