Frühstück allein, Massage zu dritt.

March 3, 2019

 

 

Hier bin ich nun, angekommen im Ayurveda-Paradies Sri Lanka. Schon vier Tage dauert meine Panchakarmakur. Und langsam kehrt Erholung ein. Den Tag nach meiner Ankunft fühlte ich mich zwischen all den Tiefenentspannten wie ein grauer Bazillus. Vor der Reise hatte ich mir eine dicke Erkältung eingefangen und durch das stundenlange Sitzen im Flieger machte sich auch meine Bandscheibe wieder bemerkbar. 

 

Ich war noch blind für die Schönheit des Ortes, hangelte mich von der Aufnahmebesprechung mit dem ayurvedischen Arzt zu den ersten Massagen und ass buntes Essen, dessen Geschmack ich noch nicht geniessen konnte. Auch der direkte Blick auf das Meer erfreute mich noch nicht sonderlich. Ich registrierte, dass ich angekommen war, verbrachte aber die meiste Zeit im Bett mit einer Kanne scharfen Tees, die mir der Arzt gleich mitgab.

 

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie ausgewechselt. Der Blick in den Spiegel erschrak mich nicht so sehr wie noch am Tag zuvor, und ich war der erste Gast beim Frühstück. Der Schleier war vor meiner Wahrnehmung aufgegangen, und plötzlich war ich überwältigt von der Schönheit um mich herum. Alle Tische des Restaurants waren im grossen Garten mit Sicht auf das Meer ausgerichtet und mein, mit meiner Zimmernummer markierter Platz war in vorderster Reihe, sodass ich mich voll und ganz auf das Beobachten der Palmen konzentrieren konnte. Hier würde ich die nächsten drei Wochen all meine Mahlzeiten geniessen. Ich strahlte bei dieser Einsicht so sehr, dass sich nun auch mein Tischnachbar traute, mich mit einem "Ah, bist Du jetzt richtig angekommen?" willkommen zu heissen.

 

Ja, das war ich. Es wäre auch schade gewesen, wenn dieser Luxus noch länger unbemerkt geblieben wäre. Ich erkundete den grossen Garten, der einen riesigen Banyanbaum säumt, in dessen Ästen dutzende Affen ihre Pläne ausheckten, den nächsten Gast zu erschrecken oder ihm sein Handtuch zu stibitzen. Ein Waran schlich zwischen den Tischen herum, und zahllose bunte Vögel flogen umher. Nur ein paar Meter vor diesem Grün liegt eine grosse Bucht mit wunderbarem Sandstrand, an dem die starken Wellen des hellblauen Meeres angespült werden. Ich liebe die tobende See, mehr als das ruhige Badewannen-Meer. Jede Sekunde sieht alles anders aus. Und ich habe von meinem sonnengeschützten Platz unter Palmen viel Zeit, alles stundenlang zu beobachten.

 

Beobachten - das Innen und das Aussen, darum geht es bei Panchakarma. Fühlen, was mir gut tut und was nicht. Hören auf das, was der Körper möchte, und erfahren, wie es der Seele immer besser geht. Und dafür gibt es jede Menge Anreize. Tag für Tag erhalte ich eine grosse Ganzkörpermassage und drumherum viele kleine Behandlungen, wie Stirngüsse, Kräuterbäder und vierhändige Massagen, die alle auf meinen Gesundheitszustand angepasst sind. Die Lektüre zu den einzelnen Behandlungen lese ich mir jeden Abend durch, wenn das Verwöhnprogramm des nächsten Tages ausgehängt wird. Die grösste Aufmerksamkeit gilt dem Fasten, welches mir der Doktor ans Herz gelegt hat. Den Körper von allen Giften befreien, um alle chronischen Wehwehchen zu eliminieren. Ich erkläre mich zaghaft dazu bereit und stelle später fest, dass diese Behandlung fast alle Besucher dieses Retreats durchführen lassen. 

 

Jeder möchte toxinlos den Heimweg antreten und vollzieht sich freiwillig der Tortur des Nichtessens. Da dieses Programm bei allen gleich abläuft, einfach zeitversetzt, und auch viele Gäste zum wiederholten Mal Talalla für diese Behandlung besuchen, wird den Neulingen schnell die Angst genommen und unter den Stammgästen gefachsimpelt. Dass dabei ganz offen über innere Ölung, Essensentzug und Einläufe geredet wird und auch die Betroffenen am grossen Tag einen aufmunternden Spruch hinterhergerufen bekommen, gehört zum Ritual und gibt mir das Gefühl, dazuzugehören. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wobei ich lieber das Essen meines Nachbarn teilen möchte, denn mittlerweile befinde ich mich bereits in der nahrungsarmen Vorbereitung auf meinen grossen Tag.

 

Im Resort herrscht eine ganz eigene Kultur. Die Selbstverständlichkeit des Sein-Lassens fasziniert mich. Jeder ist die meiste Zeit für sich, isst allein und liegt allein auf seiner Liege, und doch kommt es zwischendurch zu unterhaltsamen Gesprächen. Jeder gibt soviel preis wie er will und niemand ist dem anderen böse, wenn sich dieser nach ein paar Minuten wieder seinem Sein widmet. Wie oft findet man sich im Alltag in Gesprächen wieder, die man verlassen möchte, aber aus Rücksicht auf das Gegenüber tapfer aushält, bis sich ein passender Moment des Ausstiegs ergibt. Hier ist dieser Ausstieg ein langer Blick auf das Meer oder in ein Buch.

 

Ich geniesse den Luxus dieses Ortes und bin mir bewusst, dass meine anschliessende Reise anders sein wird. Umso mehr tauche ich in die Welt des Ayurveda ein, komme an, genese und beobachte. Ich stehe noch ganz am Anfang dieser Kur und ich mache mir über den nächsten Ort noch wenig Gedanken. In ein paar Tagen kommt meine Freundin zu Besuch und wird mich ein paar Wochen begleiten. Ich bin gespannt, wie sich dieses Erlebnis hier verändert, wenn ich es mit einer Person teile. 

 

Ich werde nochmals aus Talalla schreiben, wenn das Fasten gebrochen ist und ich mich voll und ganz allen kulinarischen Freuden hingeben kann. Und natürlich mit einem detaillierten Erfahrungsbericht dieser Panchakarmakur. Namasté.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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