Einsamer Tempelritter.

March 29, 2019

Dass ich es allein mit mir aushalte, habe ich schon einige Male bewiesen. Die Beziehung zu mir selbst wurde aber in den letzten Tagen arg auf die Probe gestellt. Allein zu reisen ist verschieden auszulegen. Reise ich allein, pflege aber einen regen Ausstausch mit Gleichgesinnten, schliesse ich mich allein einer Gruppe von Fremden oder fange ich an mit Tieren und Steinbuddhas zu reden, weil kein Mensch in Sicht ist?

 

Der Lonely Planet hat seinem Namen mal wieder alle Ehre gemacht, als er mir auf der Suche nach den schönsten Tempeln des Landes Orte vorgeschlagen hat, an die sich nur selten ein landesfremder Tourist verirrt. Ich mag es, an Plätze zu reisen, deren natürlicher Charme noch erkennbar ist und zu sehen, wie die Einheimischen dort leben. Und doch möchte ich mich austauschen können. Im besten Fall mit ihnen oder mit jemand anderem über sie. Dieses Mal musste ich sehr viel Geduld aufbringen, denn es gab weit und breit niemanden, der mich verstand.

 

Die Freundlichkeit der Thailänder ist betörend. Mit neugierigen Augen, offenen Mündern und nickenden Köpfen wird mein Vorbeigehen auf den Strassen lautlos kommentiert. Im vollen Zug von Bangkok nach Phetchaburi sitze ich zwischen Familien und Arbeitern und werde von allen Seiten angelächelt. Eine Mutter bietet mir Kuchen an und das Pärchen gegenüber stattet mich mit einer Atemmaske aus, kurz bevor wir an brennenden Feldern vorbei fahren, deren beissender Qualm durch die offenen Fenster in den Zug zieht. Animiert durch diese Gesten versuche ich mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, was aber an der Sprachhürde scheitert. 

 

Wie unerschlossen dieser Ort ist, wird mir erst bewusst, als ich mit meiner Reisetasche am Bahnhof stehe und kein Taxi zur Weiterfahrt parat steht. Ein älterer Mopedfahrer bietet mir spontan eine Mitfahrgelegenheit an und klemmt sich mein Gepäck zwischen die Knie. Dass die Lenkung dadurch stark beeinträchtigt ist, stört ihn nicht und nach einem kurzen Stossgebet setze ich mich hinter ihn und lasse mich zum Hostel kutschieren. Mir wird bewusst, dass ich meine Angst vor Mopedfahrten überwinden muss, da dies hier die Hauptfortbewegungart zu sein scheint. Ich hatte vor ein paar Jahren als Sozius einen Motorradunfall, der mit zwölf Wochen an Krücken endete. Ich vertraue darauf, dass das Universum kreativer ist, als mir dasselbe Szenario nochmals zuzumuten. 

 

In meinem Hostel bin ich der einzige Gast. Eine Schnellstrasse trennt es vom belebten Teil des Ortes. Ich bin enttäuscht, denn diese war in der Beschreibung nicht erwähnt. Der Besitzer spürt, dass ich nicht so glücklich bin und holt freudestrahlend ein Fahrrad aus dem Nebenraum und erklärt mir mit Händen und Füssen, dass ich damit in die Stadt fahren könne. Ich starre ihn mit grossen Augen an und zeige immer wieder kopfschüttelnd auf den Highway. Er holt ein zweites Bike und fordert mich auf ihm zu folgen. Der Abenteurer in mir wird schon wieder herausgefordert und ich füge mich. Ich überstehe die Fahrt und auch den Rückweg ohne seine Begleitung. Ich bin stolz auf mich und nehme mir vor, weiterhin mutig zu sein und aus meiner Komfortzone herauszukommen. Sichere Radwege wie in meiner Heimat werde ich hier nirgends finden, also passe ich mich den Gegebenheiten an. Ausserdem fällt ein europäisches Mädchen auf einem Fahrrad hier auf wie ein bunter Hund und hat dadurch beste Chancen, nicht überfahren zu werden.

 

Und so erkunde ich am nächsten Tag die vielfältigen Tempelanlagen. Es ist brütend heiss und gleissend hell, aber ich gewöhne mich schnell daran. Alles wirkt dadurch wie in einem überbelichteten Film. Die grossen weissen Obelisken sind in der prallen Sonne schwer zu erkennen. Ich geniesse die Einsamkeit, denn ausser mir treibt es nur wenige Menschen tagsüber hierhin. Somit kann ich mir alle Details genau anschauen und ganz in Ruhe meine Fähigkeiten für Fotoaufnahmen per Fernbedienung verbessern. Am Abend plane ich schon meine Weiterreise in die alte Hauptstadt des früheren Königreiches Siam. Bei der Hostelauswahl prüfe ich diesmal genau die Lage und tausche Schnellstrasse gegen Fluss vor der Haustür.

 

Spuren aus 1001 Nacht. Verwitterte Steinkuppeln und Formationen von zerfallenen Buddha-Statuen im Abendrot ergeben ein surreales Bild und erzeugen Gänsehaut. Als die Birmesen in Ayutthaya einfielen, legten sie ein Grossfeuer, das die Stadtmauern einstürzen liess und zerstörten alle Gebäude und Kunstschätze. Was zurück blieb, hat die Zeit zu einem Bildnis von Vergänglichkeit geschliffen. Ich verbringe Stunde um Stunde in den Ruinen und kann mich an dem Anblick nicht satt sehen. Hier treffe ich auf eine andere Alleinreisende, die von dem Ort genauso berührt ist wie ich.

 

Mein erster Travelbuddy! Ich finde es grandios die restlichen Tempel in Gesellschaft zu erkunden und mich über die Eindrücke der vergangenen Tage auszutauschen. Tanja ist auch erstaunt darüber, dass so wenig Soloreisende unterwegs sind, und wir freunden uns schnell an. Am Abend treffen wir uns zum gemeinsamen Dinner am Fluss und erzählen uns von all unseren Reisen. Ich sammle ganz viele Tipps für den Norden, in den ich am nächsten Tag reisen möchte. Als das Restaurant schliesst, ist die letzte Fähre ans Flussufer schon weg. Wir verabschieden uns und ich mache mich mal wieder auf die Suche nach einem Taxi. Vergeblich.

 

Und plötzlich habe ich richtig Angst. Ich hätte laufen sollen. Wie schon so oft, bietet mir ein Einheimischer eine Fahrt mit dem Moped an. Er ist jung und nett und sieht harmlos aus. Also nehme ich gern an. Ich kenne den Weg über die Brücke zum Hostel, doch er biegt nicht ab, sondern fährt weiter. Ich rede auf ihn ein, doch das Ergebnis ist, dass er sich ständig zu mir umdreht und nicht auf die Strasse schaut. Ich weiss nicht wovor ich mehr Angst habe, vor einem Unfall oder davor, dass er nicht anhält. Er will mich küssen und sagt mir ständig, wie hübsch er mich findet. Meine Intuition sagt mir, dass er nur Zeit mit mir verbringen will und den Weg deshalb verlängert, doch als er auf einen Sandweg fährt, bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher und checke insgeheim, wie ich mich im Fall der Fälle verteidigen könnte. 

Ich schreie ihn an, dass er mir Angst macht und das nicht lustig sei. Endlich kommt er zur Besinnung. Er sagt ich solle mich entspannen, dreht um und fährt mich zum Hostel. Ich renne sofort rein und höre nicht auf das, was er mir hinterher ruft. Ich stehe hinter der Tür und zittere vom vielen Adrenalin. Nie wieder werde ich mich nochmals in so eine Situation manövrieren. 

 

Alleinreisen hat viele schöne Seiten, aber ist nicht ungefährlich. Und hinter all den freundlichen Gesichtern steckt auch mal eine Person mit schlechten Absichten. Ich hoffe sie zu erkennen, wenn ich ihr das nächsten Mal begegne. Auf jeden Fall werde ich noch vorsichtiger sein. 

 

Mein nächstes Ziel ist Chiang Mai, ein belebter Ort im Norden Thailands mit vielen Reisenden. Hier werde ich mir mehr Zeit nehmen und eine kleine Reisepause machen. Der Ort hat alles zu bieten, nach dem mir momentan der Sinn steht. Hiking in den Bergen, Kanufahren, Kochkurse und natürlich die Erkundung vieler Tempelanlagen, von denen ich noch nicht genug habe. Ich hoffe Du auch nicht. Schön, dass Du meine Reise begleitest.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day, 

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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