Plötzlich Komplizin.

April 7, 2019

 

Wünsche gehen manchmal schneller in Erfüllung als man denkt. Nach meinem Abenteuer des kompletten Alleinreisens ohne jede Möglichkeit des Erfahrungsaustausches sehnte ich mich nach Gesellschaft und hoffte sie in Chiang Mai, einer der grössten Städte im Norden Thailands, zu finden. So viel hatte ich über diesen Ort gehört und gelesen. Ich war gespannt, welche Erlebnisse dort auf mich warteten. 

 

Schon am Bahnhof in Ayuthaya merkte ich, dass der Nachtzug in den Norden eine gute Wahl war. Der Bahnhof war sauber, alle Züge gut angeschrieben und der Schaffner sprach sogar Englisch. Im Zug, der aus Bangkok kam, sassen Reisende aus der ganzen Welt, die alle das selbe Ziel hatten - das pulsierende Chiang Mai. Nach zwölf Stunden erholsamen Schlafs im bequemen Liegewagen wurde ich vom schönsten Sonnenaufgang empfangen. Mit dem Sammeltaxi ging es in die Altstadt, in deren Zentrum mein Hostel auf mich wartete. Schon aus der Beschreibung wusste ich, dass der grosse Gemeinschaftsbereich von einem riesigen Tisch dominiert wurde, an dem alle Bewohner zusammen ihr Frühstück assen, wie in einer grossen WG. 

 

Ich kam sofort ins Gespräch und war richtig aufgeregt, mich endlich richtig austauschen zu können. In Chiang Mai blieben die Besucher länger als an anderen Orten, weil die Stadt einfach soviel zu bieten hat. Sie ist perfekter Ausgangspunkt für Tagestrips an die schönsten Plätze des Nordens, und ich versuchte herauszufinden, wie ich diese am besten bereisen konnte. Ich durchforstete alle ausliegenden Prospekte nach Kanu-, Bike-, Boots- und Hikingtouren und war von dem Angebot überwältigt und etwas verloren mit der Entscheidung. Zwei Kanadier waren auf der Suche nach Gesellschaft für ihren Trip. Sie hatten Motorbikes gemietet und wollten in einen Nationalpark fahren. Ich sagte spontan zu. Kaum im Hostel angekommen schon wieder unterwegs, das war meine liebste Art des Reisens. Mich treiben lassen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun und dann zuschlagen.

 

Die zwei Kanadier entpuppten sich als grossartige Gesellschaft. Wir fuhren in den Park mit einem riesigen See, der zum stundenlangen Schwimmen einlud. Kurioserweise war das allerdings aus Sicherheitsgründen verboten. Es standen Boote zur Verfügung, die einen auf die andere Seite des Sees zu einer Hausboot-Siedlung fuhren. Da wir alle gute Schwimmer waren, suchten wir uns einen versteckten Einstieg in den See und schwammen durch den einsamen See auf der Suche nach eben dieser Siedlung. Es war herrlich! Die Strecke war viel länger als angenommen und das ständige Verstecken vor den Booten erforderte zusätzliche Umwege. Mal wieder lohnte sich aber die Mühe, denn uns erwartete eine unglaubliche Aussicht, leckerer frischer Fisch und ein atemberaubender Sonnenuntergang, den wir von einem Kanu aus genossen. Für den Rückweg nahmen wir eines der Boote und ich war stolz, wie lang die Strecke war, die wir vorher schwimmend zurück gelegt hatten.

 

Zurück im Hostel entschied einer der beiden Kanadier, seine Reise mit mir fortzusetzen. Sein Kollege reiste wie geplant am nächsten Tag weiter. Ich freute mich riesig und wir schmiedeten Pläne. Mit dem Motorbike fuhren wir in abgelegene Gegenden, in der keine Touristen unterwegs waren, badeten mit den Einheimischen in Flüssen, besuchten die schönsten Aussichtspunkte und suchten nach dem besten Pfad für die Besteigung der umliegenden Berge. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht, da es einige Buschfeuer gab. In der trockenen Saison wurden sie ständig wieder entfacht und die Parks waren deswegen geschlossen. Wir liessen nicht locker, sprachen mit Einheimischen, Rangern und sogar der Polizei, um eine Möglichkeit zu finden, trotzdem aufsteigen zu können. Nachts konnten wir gut sehen, wo die Feuer verliefen und wie klein sie eigentlich waren. Wir könnten sie locker umgehen. 

 

Die Thailänder sind nicht sehr wagemutig. Schwimmen im Freien, Bootfahren ohne Schwimmweste, Wandern während Buschfeuern - all diese Abenteuer schätzen sie als zu gefährlich ein, weil sie selbst Angst vor ihnen haben und verbieten sie leider auch allen anderen. Es braucht ein gewisses Verhandlungsgeschick und ein wenig kriminelle Energie, um trotzdem an die verbotenen Früchte zu kommen. Mein Reisebuddy war genau der richtige Begleiter für derartige Projekte. Die ständige Angst, von aufgebrachten Parkwächtern oder Bootsführern erwischt zu werden, machte unsere Trips noch aufregender. Natürlich gelang es uns nicht immer, und wir mussten uns ihnen stellen. Die Strafe war eine Standpauke, die wir artig über uns ergehen liessen.

 

Ein bisschen Risiko ist der Pfeffer des Lebens. Schon seit Beginn meiner Reise fühle ich mich mutig wie nie und bin dankbar, dass ich trotz so vieler Ängste den Schritt in die Welt gewagt habe. Pläne über Bord werfen, manche Regeln nicht zu ernst nehmen, über meine eigenen Grenzen hinaus handeln - all das waren Vorsätze, die mich aus meiner Komfortzone herauslocken sollten. In den letzten zwei Wochen habe ich alle von ihnen erfüllt und Gefallen daran gefunden, meine typisch deutsche Striktheit gegen etwas mehr Gelassenheit einzutauschen. Und da viel Pfeffer auch eine Beziehung würzt, ist der Kanadier inzwischen viel mehr als nur ein Travelbuddy. 

 

Inzwischen bin ich in den Süden zurückgekehrt.  An seiner Seite erlebe ich ihn ganz anders als noch vor ein paar Wochen, als ich vor den Touristenmassen geflohen bin. Ko Tao ist ein Inselparadies und ein Schlaraffenland für Taucher und Schnorchler. Auch hier locken verbotene Routen und versteckte Juwelen. Und ein romantischer Sonnenuntergang im Arm eines attraktiven Mannes fühlt sich halt immer noch am schönsten an. Ich habe noch eine ganze Woche, bevor ich nach Indonesien reise, meinen Travelbuddy im Gepäck.

 

Heute geniesse ich einen faulen Tag, sitze im Strandcafé, telefoniere mit meinen Freunden und meiner Familie und schreibe diesen Blogeintrag. Ein Leben, das ich mir noch vor einem Jahr nicht vorstellen konnte. Es braucht sehr viel Mut, seinen Träumen zu folgen aber wenn der erste Schritt getan ist, öffnen sich unglaublich viele Türen. Ich freue mich riesig, dass Du meinen Weg begleitest. 

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Please reload