Baliwood.

May 17, 2019

Das Leben schreibt die schönsten, spannendsten und aufregendsten Geschichten. Zu besonderen Gegebenheiten übertrifft es sich auch gern mal selbst und überschüttet einen mit einer schier unendlichen Fülle an Ereignissen, Gefühlen und Momenten und übermannt den Empfänger, so dass dieser einen Moment vergisst, wo ihm der Kopf steht. So ist es mir im letzten Monat ergangen. 

 

Ich fühle mich wie ein Drehbuchautor. Viele gute Filme entstehen aus der Fantasie eines kreativen Kopfes, so manche aber sicherlich aus der Feder eines guten Beobachters. Observieren und niederschreiben, so einfach geht das. Mein Film spielt auf Bali. Auf der Insel, die ich seit Jahren besuchen wollte und so viele Gründe gefunden habe, es nicht zu tun. Vielleicht erlebe ich die Zeit gerade deshalb so intensiv, weil das Erlebte jeweils mit meinen hohen Erwartungen konkurrenziert. Oft gewinnt die Realität, manchmal bleibt aber ein schaler Beigeschmack der Enttäuschung. 

 

Seit genau einem Monat bin ich nun auf der viel gerühmten indonesischen Trauminsel. Nie hätte ich gedacht, dass diese kleine Insel so reich an Facetten ist. Ich habe unzählige pessimistische Kommentare erhalten, wenn ich mit glänzenden Augen von meinem vermeintlichen Highlight meiner Asienreise träumte. Bali sei touristisch, voller Elefantenhosen und Birkenstock tragender, an sich selbst zweifelnder Mitvierziger, die Julia Roberts in "Eat Pray Love" nacheifern, um sich selbst und die Liebe ihres Lebens zu finden. Innerlich habe ich mich immer gefragt, wo die Abgrenzung zu meiner eigenen Geschichte ist, die ich an diesem spirituellen Ort neu schreiben wollte. Die überraschende Antwort sollte ich wohl erst unterwegs bekommen. Die gefürchtete Hippieschar blieb vorerst aus und mit ihr aber leider auch all die Annehmlichkeiten, die mit ihr einhergehen und auf die ich mich lang gefreut hatte. 

 

Ich hatte Lombok, Flores und Yogyakarta liebgewonnen, was vor Allem der Herzlichkeit der Menschen geschuldet war. Rückblickend verbrachte ich die meiste Zeit in möglichst unberührten Gegenden oder pulsierenden Grossstädten, fuhr mit dem Motorbike über zerklüftete Strassen, schlief in einfachen Gästehäusern und ernährte mich von Fried Rice und Pancakes. Eine Yogaklasse suchte ich vergeblich und Meditation wurde nicht in Gemeinschaft mit Reisenden praktiziert. Das ein oder andere Mal habe ich meine Yogamatte in meinem Zimmer ausgebreitet, was ich aber aufgrund fehlenden Komforts oft lieber auf einen anderen Tag verschob. Ich wurde faul was meine Morgenroutine betraf und entschuldigte es mit meiner vollen Abenteueragenda. Bali sollte die Wendung bringen.

 

Als die Fähre in Gilimanuk, dem westlichsten Punkt von Bali, einfuhr, spürte ich die kribbelnde Aufregung. Dem komfortablen Reisen in Minivans noch immer entsagend, bestieg ich den öffentlichen Bus, der mit einer Stunde Verspätung und offenen Türen losfuhr. Die Luft duftete herrlich erdig und saftig. Noch während der Fahrt begann es zu regnen, wie ich es selten zuvor erlebt hatte. Durch die offene Tür neben mir und den kaputten Radkasten unter mir Strömte der Regen auf mich ein. Mein Kleid war in Sekunden durchnässt und ich konnte einfach nur lachen. Die Einheimischen, die in den Reihen vor mir sassen, warfen mir amüsierte Blicke zu und ich hatte das Gefühl, dies sei meine Bali-Taufe. Der Bus stoppte unerwarteterweise direkt vor meinem Gästehaus in Lovina und ich freute mich über das gesparte Geld. Die selbe Fahrt mit dem Minivan wäre vierfach so teuer gewesen bei halb soviel Spass. Sparen kann so aufregend sein.

 

Zuerst den Norden zu bereisen, und nicht direkt ins Yoga-Mekka Ubud zu stürmen, hatte einen besonderen Grund. Meine Freundin aus Berlin, die inzwischen in Canada lebt, erwartete mich in Lovina mit ihrer ganzen Familie. Wir hatten uns zehn Jahre nicht gesehen und die Vorfreude war riesig. Keine Stunde nach meiner Ankunft, stand sie endlich vor mir. Wie in Zeitlupe rannten wir aufeinander zu und fielen uns in die Arme. Ihre beiden Mädchen mussten lachen, als sie ihre Mami, wild wie einen Teenager erlebten. Bald sassen wir alle in grosser Runde am Meer beim Abendessen und versanken in alten Geschichten. Auch mein Canadier freute sich riesig, ein paar zugewanderte Landesgenossen kennenzulernen. Es fühlte mich so wohl mit engen Freunden am anderen Ende der Welt zu sitzen und über eine Dekade voller Ereignisse zu reden. Da die ganze Familie eine Haustauschvilla vor Ort bewohnte, boten sie mir an, am nächsten Tag bei ihnen einzuziehen. Hätte ich gewusst was mich erwartet, hätte ich auf der Stelle meine Koffer gepackt und wäre sofort mit ihnen gegangen. Der Moment in dem ich das Haus betrat, erinnerte mich stark an die Kreischszenen aus GNTM*, in denen Heidis "Mädels" die Villa bezogen. Es war unvorstellbar für mich, dass dieses Traumhaus einer Familie gehörte, die hier tatsächlich wohnte und derartigen Luxus im Alltag erlebte.

 

Wir verbrachten zwei wunderbare und intensive Tage miteinander. Die Kids hatten schnell Vertrauen gefasst und zusammen spielten wir Verstecken in den Pools, lackierten uns die Nägel und assen selbstgekochte Spaghetti bei Sonnenuntergang. Der Abschied fiel mir unglaublich schwer und zeigte mir einmal mehr, wie wichtig mir Freunde und Familie sind. Ich habe zu Beginn meiner Reise immer gehofft, dass mir Einsichten über mein Leben zufliegen, wenn ich unterwegs bin. Natürlich habe ich hier an ausgefallenere Ideen gedacht und nicht an solch profane Gedanken. Und trotzdem liegt das Gute manchmal in den ganz einfachen Dingen. 

 

Baliwood - wie ich meine Abenteuer hier nenne, seit ich meine dritte Kecak-Tanzaufführung über die Mythen des Landes besucht habe - geht weiter, in meinem nächsten Bericht. Lebensgefährliche und atemberaubende Momente, die man im Leben nur einmal erfährt. Ich freue mich, dass Du meine Reise verfolgst.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

*GNTM - Germanys next Topmodel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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