Die Ruhe vor dem Sturz.

May 31, 2019

Ich bin ein Angsthase. Ich fürchte mich vor unzähligen Dingen. Grund dafür ist meine blühende Fantasie, die mich schon die schlimmsten Tode hat sterben lassen. Wenn mein Gehirn eine Situation auch nur im geringsten als gefährlich einschätzt, übernimmt meine Fantasie das Ruder und spielt die blutigsten Szenarien vor meinem inneren Auge ab. Ich habe früh erkannt, dass ich mich nicht von meinen Ängsten beherrschen lassen kann, da mir sonst ein sehr tristes Leben bevorstünde. Stattdessen bin ich zu einer starken, selbstbewussten Person geworden, die viele als mutig bezeichnen würden. Was aber, wenn die schlimmste Angst auf einmal Realität wird?

 

Mut ist, sich seinen Ängsten zu stellen. Einen Vortrag vor hunderten Menschen halten, auch wenn ein vermeintlicher Blackout droht, den heimlichen Schwarm ansprechen, der einen mit verächtlichen Blicken strafen könnte oder seine sichere Existenz aufgeben für einen Neustart, der sich als grösster Fehler herausstellen könnte. Egal wie gross oder klein das zu überwindende Hindernis scheint, meine Schweissausbrüche sind immer gleich stark, und das Kopfkino ist im Blockbuster-Modus. 

 

Ich habe einen Weg gefunden, mit meinen Ängsten zu leben. Ich fordere sie nicht mehr als nötig heraus. Nach meinem ersten Horrorfilm habe ich beschlossen, dieses Genre zu ignorieren. Ich brauchte Monate, bis ich wieder ohne Licht in meiner Wohnung schlafen konnte. Mein Gehirn spann den Faden der Horrorgeschichte unendlich weiter, und ich war den Schatten vor meinem Bett und den roten Augen in meinem Spiegel ausgeliefert. Ich kann gut ohne angsteinflössende Filme leben. Kaum jemanden interessiert es. Wenn es aber um soziale Aktivitäten geht, möchte ich nicht der Miesepeter sein, der anderen den Spass verdirbt. Ich will ganz vorn dabei sein, wenn Berge erklommen werden oder neue Rennrekorde aufgestellt werden. Meine innere Stimme, die mich vor Beinbrüchen oder Bänderrissen nach spektakulären Stürzen warnt, ignoriere ich. Aber sie ist da und mit ihr die Bilder und eine gewisse Vorsicht.

 

Und plötzlich kommt der Moment, in dem Deine schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Vor fünf Jahren sass ich auf dem Rücken eines Motorrades und liess mich durch die schönsten Landschaften chauffieren, als plötzlich ein anderer Fahrer zu nah kam und es zur Kollision kam. Ich sah es als Sozi nicht kommen und wurde vom Sturz kalt erwischt. Die Sekunde, in der ich das Unausweichliche realisierte, verging wie in Zeitlupe, und ich sah alles aus der Vogelperspektive. Für einen Augenblick war alles still, und ich hielt den Atem an. Momente später hörte ich schon die Stimmen aller Beteiligten, die sich ihrer Unversehrtheit vergewisserten. Nur ich hatte Schmerzen und blieb liegen. Obwohl der Unfall mein Kreuzband zerriss und mir wochenlanges Gehen an Krücken bescherte, war ich dankbar, dass nichts Schlimmeres passiert war. Doch an den stillen Moment vor dem Sturz musste ich noch oft denken.

 

Ich spielte das Geschehene immer wieder durch und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass die Angst, die mich auf dem Rücken eines Motorrades immer begleitet hatte, in dem Moment, in dem es ernst wurde, verschwunden war. Bis zu meiner Asienreise bestieg ich nie wieder eine Maschine. In Thailand angekommen wagte ich es dann aber doch, da es die einfachste Art des Reisens ist. Ich war der Sozi meines kanadischen Reisegefährten, der seit zwanzig Jahren unfallfrei war, und gemeinsam fuhren wir an die entlegensten Orte und genossen die Einzigartigkeit der Natur. Vor der ersten Fahrt schloss ich die Augen und atmete tief durch. Die Angst war wieder mein ständiger Begleiter. Die landestypischen Fahrgewohnheiten waren wie Zündhölzer für meine Fantasie. Da fuhren Mofas mit riesigen Wäschesäcken herum, aus denen irgendwo ein Kopf herausschaute. Anderswo hatten Motorräder meterlange Eisenstangen geladen, die es auf das Aufspiessen zu schnell heraneilender Fahrer abgesehen hatten. Ich bereute, vor Jahren alle "Final Destination"-Filme gesehen zu haben, in der solche Situationen immer zum unmittelbaren und kurios inszenierten Tod führten. In meiner Bewertung schrammten die Filme haarscharf am Genre Horror vorbei und waren noch als Thriller einzustufen, weswegen ich mir erlaubte, sie zu schauen. Keine andere Filmreihe ist so nachhaltig und detailliert in meinem Gedächtnis hängengeblieben wie diese. Wir befuhren die allerschlimmsten Strassen. Teilweise waren es eher Anreihungen von Kratern als richtige Wege. Mein Begleiter umschiffte geschickt alle Hindernisse, und mein Vertrauen wuchs von Tag zu Tag. Ich begann, mich zu entspannen.

 

Wer schon mal in Asien auf dem Mofa unterwegs war, kennt die einheimischen Fahrgewohnheiten. Ein gewisses Vertrauen in das eigene Schicksal ist gefordert, denn ein unfallfreies Ankommen ist leider nicht nur von den eigenen Fahrkünsten abhängig. Waghalsige Manöver von anderen Fahrern führen oft zu gefährlichen Situationen. Und auch die Sicherheitsrichtlinien der Maschinen sind weit unter den gewohnten europäischen. Jedes zweite Moped würde mit Pauken und Trompeten durch die TÜV-Prüfung fallen. Vor Ort nimmt man das hin, da man oft keine andere Wahl hat. Alle anderen Fahrer starteten ja unter gleichen Voraussetzungen und sind heil wieder zurückgekommen. Bis einem der schlechte Zustand zum Verhängnis wird.

 

Auf einer steilen, kurvigen Strasse abwärts ist der denkbar schlechteste Ort für das Versagen der Bremsen. Und genau dort ist uns genau das passiert. In dem Moment, in dem mich der Fahrer aufforderte, die Füsse auf den Boden zu bringen, um die Maschine zu stoppen, war mir klar, jetzt ist es ernst. Mein Adrenalinpegel stieg innert weniger Millisekunden auf das Maximum und die Angst schnürte mir die Kehle zu. Am Strassenrand spielten Kinder, denen ich mit winkenden Armen signalisierte, aus dem Weg zu springen. Mein Begleiter rief mir zu, er müsse das Moped crashen, bevor wir noch mehr Tempo aufnähmen. Vor uns lag eine steile Linkskurve, die wir mit dieser Geschwindigkeit unmöglich fahren konnten. Geradeaus ein uneinsehbarer Abgrund, auf den wir ungebremst zufuhren.

 

Der Gedanke, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, schoss mir durch den Kopf, bevor wieder der Moment der absoluten Stille eintrat. Alles dauerte nur wenige Sekunden. Dann lag ich in einem Graben, gestützt von einer Baumkrone. Über mir waren dutzende Kindergesichter, die mich regungslos anstarrten. Die Stimme meines Begleiters holte mich aus meiner Benommenheit. Ihm war nichts passiert. Er war bereits aufgestanden und herbeieilende Männer halfen ihm, die Maschine auf die Strasse zu hieven. Bewegungslos checkte ich meinen Körper auf Schmerzen, spürte aber keine. War das möglich? Waren wir dieser lebensgefährlichen Situation entkommen? Ich stand unter Schock, fühlte mich, als würde ich träumen. Nach ein paar Minuten am Strassenrand, in denen ich mich sammelte und meinen Körper nochmals nach Wunden absuchte und keine fand, traute ich mich, einen genauen Blick auf die Unfallstelle zu werfen. Ein Baum war quer am Abgrund gewachsen und wir waren in dessen schützende Krone gerast. Einen Meter weiter rechts war ein riesiges Loch. 

 

Ich kann der Schöpfer meines Lebens sein und mir meine Träume erfüllen, doch manchmal entscheidet nur ein Meter über Unglück oder Erleichterung. Es gibt Dinge, die wir in die Hand nehmen können, um uns nicht von ihnen fremdsteuern zu lassen. Dazu gehört das Zähmen meiner Angst. Und dann gibt es Dinge, die wir nehmen müssen, wie sie kommen. Das nenne ich Schicksal. Meine Angst war in dem Moment verschwunden, als ich handeln musste. Sie wurde verdrängt vom Überlebensinstinkt. Ich habe mich noch am selben Tag wieder auf ein Moped gesetzt. So ein Unfall passiert sicher nicht mehrmals hintereinander. Diese scheinheilige Logik hat mir geholfen, das Geschehene zu verarbeiten und weiterhin auf entlegenen Pfaden motorisiert das Land zu erkunden.

 

Auf meiner Trauminsel Bali spielte sich das kleine Alptraum-Szenario ab. Das universelle Gesetz der Polarität bestätigt sich einmal mehr. Ich werde täglich von der Schönheit der Insel begeistert und kann den Unfall mittlerweile als spannende Urlaubsgeschichte verbuchen. Von denen gibt es noch viele weitere und ich werde sie alle erzählen. Ich freue mich, dass Du meine Geschichte verfolgst.

Danke fürs Lesen.


Happy day,
Deine Anja
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Please reload