Hier kommt die Sonne.

June 8, 2019

Die Zeit im Paradies vergeht schnell. Viele erlebnisreiche Tage reihen sich aneinander und würden mich überfordern, wenn sie nicht von den beiden beruhigendsten Naturschauspielen gerahmt werden, die es gibt - dem Sonnenaufgang und dem Sonnenuntergang. Und um diese in voller Schönheit und in allen Facetten geniessen zu können, habe ich während meiner Reise viel auf mich genommen.

 

Ich war schon immer ein Kind der Sonne. Ich schlafe mit offenen Fenster, ohne störende Vorhänge, um von den ersten Sonnenstrahlen geweckt zu werden. Verschlafen mit einer Tasse heissen Kaffee, von beiden Händen umschlungen, geniesse ich die beruhigende Wirkung des gelbroten Farbenspiels am Himmel. Viele Menschen drehen sich lieber nochmals im Bett um und verpassen den schönsten Moment des Tages und ich freue mich immer, wenn ich auf Gleichgesinnte treffe, die dieses Erlebnis mit mir teilen möchten. Meine Mama ist eine von ihnen. Im Morgenmantel mit zerzaustem Haar stehen wir oft am Gartenzaun und beobachten den Sonnenaufgang über den Feldern. Dieses Bild habe ich im Kopf, wenn ich an Heimat denke.

Den hektischen Tag mit dem Sonnenuntergang zum gemütlichen Teil überzuleiten liebe ich genauso. Wenn das Licht sanfter wird und sich die Sonne langsam auf die andere Erdhalbkugel zurückzieht, kehrt für einen Moment diese wunderbare Ruhe ein. Ich rekapituliere das Geschehene und schliesse mein Hausaufgabenheft für heute. Ab hier wird nur noch genossen. 

 

Auf Reisen ist es leicht, seinen Tag von der Natur rahmen zu lassen. Kein Wecker, der mich zu einer bestimmten Uhrzeit unsanft in den Tag befördert und keine Abendtermine, in denen ich an Meetingtischen in geschlossenen Räumen sitze und vom Aussen nichts mitbekomme. Stattdessen gibt es einen ganz natürlichen Flow, dem auch alle Einheimischen folgen. Man ist aktiv, wenn es hell ist und ruht, wenn es dunkel ist. Die Tage starten und enden früh und während ich den Sonnenaufgang beobachte, werden neben mir die Götter mit Opfergaben um Segnung gebeten. Überall duftet es nach Räucherstäbchen und irgendwo spielt jemand das Tingklik*. Ich suche mir meine Unterkünfte mit dem schönsten Blick gen Osten aus, am liebsten mit einer grossen Terrasse, damit ich dort mein Morgenritual geniessen kann. Sobald das Abendrot einsetzt, bin ich auf dem Weg zu einem der schönen Aussichtspunkte, von denen Indonesien so viele zu bieten hat.

 

Es gibt eine Superlative von Sonnenaufgang, die ich erstmals auf Jogya erlebt habe. Eine Sunrise-Trekkingtour auf einen Vulkan. Wenn man sich etwas hart erarbeitet, kann man es viel mehr geniessen- gemäss dem Motto startete ich weit vor Mitternacht meine Wanderung in die Nacht, um pünktlich zum ersten Morgenrot am Himmel auf dem Gipfel des Vulkans zu stehen und einen 360-Grad-Blick auf die umliegenden Berge, Seen und Städte zu geniessen. Die Sonne ungestört von ganz oben beobachten zu können, jede neue Farbe am Himmel zu begrüssen, bis endlich Ihre Majestät selbst ihr strahlendes Antlitz Stück für Stück enthüllt, raubt mir den Atem. Vergessen sind all die anderen Reisenden neben mir, die den selben harten Weg auf sich genommen haben. Jeder schweigt in sich versunken und geniesst diesen magischen Anblick.

 

Morgen scheint die Sonne wieder. Diesen Satz sagt man oft, wenn man jemanden trösten möchte. Das impliziert, dass ein sonnenfreier Tag ein freudloser Tag ist. Sonne bringt Energie, Lebenskraft und Liebe in unser Leben. Die Hormone werden aufgeweckt und Glücksgefühle freigesetzt. Fehlt sie, fühlt man sich schlapp und antriebslos. Natürlich kann man auch diese Tage sinnvoll nutzen oder die Energie aus eigenem Antrieb erzeugen. Aber an einem lichtdurchfluteten Tag geht alles einfacher von der Hand. Ich habe das immer gespürt und mich deshalb intuitiv ganz früh den Sonnenseiten des Lebens verschrieben. Schon als Kind wurde ich als Sonnenschein bezeichnet und heute hat sich daran nicht viel geändert. Für mich ist es das grösste Kompliment. Ich möchte die selbe Wirkung wie die Sonne auf meine Mitmenschen haben. Ich möchte sie bewegen, inspirieren und ihre Hormone durcheinanderwirbeln. Und meine Kraft dafür ziehe ich selbst aus Momenten wie diesen auf dem Gipfel des Vulkans. Inzwischen habe ich meine dritte Nachtwanderung gemacht. Nach Mount Merbabu in Java folgten Ijen und Batur auf Bali. Jeder Vulkan hat seine ganz eigene Magie, obwohl die Sonne, die den Gipfel in Licht getaucht hat, überall die gleiche war. Genauso wie über den Reisfeldern von Ubud, den Hügeln der Paddar Islands und allen anderen wundervollen Orten, an denen ich sie begrüsst oder verabschiedet habe.

 

Die Sonne ist für alle und überall die gleiche. Jeder kann sich entscheiden ihre Energie für sich zu nutzen und sein Leben ein bisschen heller zu gestalten. Als ich gestern an einem Workshop aufgefordert wurde eine Tarotkarte aus dem Stapel mit 78 Karten zu ziehen, strahlte mich die Sonne an. Ich glaube nicht an Tarotkarten und bei den meisten Karten hätte ich die Bedeutung nachschlagen müssen, wenn sie mich überhaupt interessiert hätte. Meine Freude war aber riesig, als ich das mir so vertraute Symbol sah. Das Universum schickt uns immer wieder kleine Botschaften. Wir können erkennen, ob wie auf dem richtigen Weg sind, wenn wir achtsam durch die Welt gehen. 
Auf dieser Reise ist mir schon soviel bewusst geworden, was früher im Verborgenen war. Wenn wir uns die Zeit nehmen hinzuhören, was uns unser Körper sagt. Wenn wir es zulassen, dass wir uns dem zuwenden, das unser Herz begehrt, dann geben wir unserem Leben eine andere Wendung und merken, wie sehr wir unseres eigenen Glückes Schmied sind.

 

Wenn ich durch meine Fotos der letzten Monate stöbere, bin ich dankbar für all die unglaublich schönen Momente. Einen kleinen Teil der schönsten Sonnenspiele möchte ich mit Dir teilen. Ich freue mich, dass Du meine Reise verfolgst und hoffe, dass Du ein paar Sonnenstrahlen spürst, wenn Du diese Geschichte liest.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

*Tingklik- indonesisches Bambus-Xylophon

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