Frei von Allem.

June 13, 2019

Die letzten zwei Wochen habe ich mich auf meine Heimkehr vorbereitet. Nach fast vier Monaten auf Reisen fliege ich heute nach Hause. Nicht für immer aber immerhin lang genug, um all meine engen Freunde und meine Familie zu sehen und mich ihren Fragen zu stellen. 

 

Ich bin mit so vielen Träumen gestartet. Einige habe ich geteilt, andere habe ich für mich behalten. Jeder ist gespannt darauf, meine Geschichten zu hören. Mit denen kann ich in Fülle dienen. Ich werde meine Asienreise nur allzu gern in schillernden Erzählungen wiedergeben. Aber wie steht es mit meiner inneren Reise? Haben sich meine Träume erfüllt? Habe ich meinen Weg gefunden? Wohin will mein Herz? Ist mein Verstand einverstanden? Wenn ich die letzte Frage lese, fällt mir zum ersten Mal auf, dass das Wort "einverstanden" von "Verstand" kommt. Kann ein Herz auch einverstanden sein? Sollte dann der Verstand nicht auch mal einverherzt sein? Im besten Fall geben wohl beide Ihre Genehmigung.

 

Ich bin noch nicht fertig. Ich bin auf einem Weg, der sich unglaublich gut anfühlt aber ich weiss nicht genau wohin er mich führt. Meine Schwester heiratet und ich habe vor einiger Zeit beschlossen, das auf keinen Fall zu versäumen. Unter anderen Umständen hätte es mich noch nicht nach Hause verschlagen. Zu viele Fragen stehen im Raum, die ich mir selbst jeden Tag stelle und an deren Beantwortung ich mich täglich versuche. 

 

Auf der Suche nach sich selbst ist Ubud der perfekte Ort. Das kleine Städchen im grünen Landesinneren von Bali ist ein Mekka der spirituellen Findung, Reinigung und Heilung. Hätte mir das Universum nicht diesen attraktiven Kanadier gesendet, wäre ich dort mindestens sechs Wochen mit der Ergründung meines tiefsten Inneren beschäftigt gewesen. So waren es zwei und ich bin sehr dankbar dafür. Ich würde mich inzwischen als spirituellen Menschen bezeichnen. Wie gross die Abstufungen sind, habe ich vor Ort erfahren. Es gibt den Bereich, in dem ich mich pudelwohl fühle, einen der mich herausfordert und einen der mich abstösst. Wenn man schonmal in Ubud ist, sollte man die Gelegenheit nutzen, seine Grenzen auszutesten und auch vermeintlich unnütze Sachen ausprobieren. Das Menü ist riesig. Yoga- und Meditationsklassen, Zeremonien und Retreats jeglicher Art, Tanz und Gesang sollen den inneren Frieden und die Segnung der verschiedensten Götter herbeirufen. 

 

Ich entscheide mich als erstes für ein dreitägiges Meditations-Retreat im ländlichen Gürtel von Ubud. Der hinduistische Gott Ganesha wird als gütig, verspielt und schelmisch vorgestellt. Seine Anpreisung soll mir helfen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ich setze mir zu Beginn des Workshops die Intention, mein Herz zu öffnen um furchtlos in die Zukunft zu gehen. Die Gruppe besteht aus vier Frauen, einem Mann und unserer türkischen Lehrerin. Sie gibt uns täglich neue Mantras, die wir im Stillen aufsagen oder während der Feuerzeremonie im Freien zusammen laut aussprechen. Der Meditationsraum, in dem wir am ersten Tag den Yantra, einen magischen, quadratischen Ort, den wir mit gefärbten Reis bunt verzieren und mit einer ewigen Kerze ausstatten, aufbauen, sammelt unser aller Energie. Auch Yoga gehört zur täglichen Praxis dazu, um uns auf die Stunden im Meditationssitz vorzubereiten. Ich fühle mich nach den drei Tagen geerdet und ruhig. Während der Feuerzeremonie, die unerwartet im Hellen stattfindet, spüre ich ein Kribbeln, wenn alle den gleichen Singsang für eine ganze Stunde wiederholen. Das ist aber auch alles, was ich als Eindruck mitnehme, alles andere ist für mich nicht mehr als ein beruhigender Zeitvertreib. 

 

Die restlichen zehn Tage verbringe ich in Ubud Downtown. In einem süssen Guesthouse mit grossem Balkon und Pool geniesse ich die Ruhe und packe zum ersten Mal seit Sri Lanka meinen Koffer aus. Ganz in der Nähe ist das grösste Yogazentrum des Ortes. Es zieht Lehrer und Schüler aus aller Welt an und bietet 140 Klassen pro Woche aus den verschiedendsten Bereichen an. Obwohl ich anfangs skeptisch bin, da ich lieber Underdogs unterstütze als die aufgeblasenen Maschinen, muss ich nach einer Probelektion gestehen, dass hier alles richtig gemacht wird. Der Ort ist trotz seiner Grösse verwinkelt, grün und wunderschön und lädt zum Verweilen ein. Ich fühle mich sofort wohl und kaufe einen Zehnerpass. Ich besuche unterschiedliche Yogaklassen und freue mich, dass es eine grosse Auswahl langsamer Arten gibt. Mein Rücken mag noch immer keine Powerlektionen und geniesst die unaufgeregten Versionen mit grossem Meditationsanteil. Er wird täglich stärker, obwohl er vermeintlich nicht viel leisten muss. Ich lerne, dass die Intensität des Trainings egal ist, wenn ich die Übungen mit vollem Bewusstsein und mit meiner Intention vor Augen ausübe. 

 

Mein Herz zu öffnen ist auch während aller Meditationen mein Ziel. Ob mit tibetanischen Klangschalen, intensiven Atemtechniken oder Mantragesang, ich geniesse meine tägliche Stunde und fühle mich tatsächlich rundum glücklich. Meine Routine aus Yoga und Meditation ergänze ich mit leckerem Essen, von dem es hier ein vielfältiges Angebot gibt und mit Massagen. Ich stehe früh auf und gehe früh schlafen und lebe nach meinem ganz natürlichen Rhytmus. Ich lerne viele liebe Menschen kennen, die mir Gesellschaft leisten, wenn mir danach ist. Und plötzlich ist sogar eine Bekannte aus Zürich vor Ort, die gerade Job und Wohnung gekündigt hat und längere Zeit in Ubud bleiben will. Stundenlang tauschen wir uns aus, träumen und beratschlagen uns gegenseitig. Sie ist es auch, die mich für einen Kurs der besonderen Art begeistert. So oft zuvor habe ich am Anfang einer Medidation vom Lehrer gehört, dass das Folgende sehr intensiv werden und zu körperlichen Reaktionen führen kann. Ob beim Extatic Dance, Kirtan-Singen oder Soundhealing, nie ist etwas Redenswertes vorgefallen. Bis ich den "Shamanic Breathwork-Kurs" besucht habe. Ohne ihre Empfehlung hätte ich den Kurs nicht besucht. Schamanische Rituale gehörte für mich bisher eher zu den fragwürdigeren spirituellen Praxen.

 

Plötzlich liege ich heulend auf dem Boden, meine Hände sind zu Storchenschnäbeln verkrampft und mein ganzer Körper ist elektrisiert. Ich fühle das Universum durch mich durchfliessen und bin zutiefst ergriffen von diesem Gefühl und die Tränen wollen nicht aufhören zu fliessen. Ich fühle volles Vertrauen. Nichts kann mir passieren. Irgendwas zwischen ergreifendem Trommelspiel und schneller Atmung hat eine Tür geöffnet. Total erschöpft und glücklich verlasse ich die Klasse und laufe im Dunkeln in mein Zimmer. Ich schreibe detailliert auf, was gerade mit mir passiert ist, dieser Moment muss festgehalten werden. Inzwischen neigt sich mein Aufenthalt in Ubud dem Ende zu. Ich bin immernoch nicht sicher, ob diese starke Reaktion nur dem Schamanischen Kurs zuzuschreiben ist oder ob sich nicht die Wirkung aller Meditationen der letzten Tage kumuliert hat. Vielleicht ist es sogar die Wirkung meiner ganzen Reise. Denn wenn ich in mich reinhöre und alles Revue passieren lassen, spüre ich, dass alles gekommen ist, wie es sollte. Ich habe vertraut und mich treiben lassen.

 

Eine Freundin hat mich vor ein paar Wochen gefragt, ob ich es nicht schade finde, dass meine Soloreise von dem Kanadier torpediert wurde. Ich habe lange darüber nachgedacht. Wie können meine nicht vorhandenen Pläne vereitelt werden? Der Plan keinen Plan zu haben, ist aufgegangen. Mein Ziel, atemberaubende Augenblicke zu erleben und glücklich zu sein, habe ich erreicht. Und zu alledem bin ich einem meiner Träume, einen Mann fürs Leben zu treffen, ein ganzes Stück näher gekommen. Und dieser Mann unterstützt mich dabei viele andere Träume zu erfüllen. Ob ich das schade finde? Ganz im Gegenteil. Mein Herz ist endlich offen und ich habe keine Angst, meine Reise auf der anderen Seite des Atlantiks fortzusetzen. Meine Heimat ist nur ein Zwischenstopp. Und da ich schon mal in der Nähe bin, reise ich auch noch schnell in die Schweiz und nach Frankreich. Schliesslich weiss ich nicht, wie schnell ich wieder in Europa bin.

 

Mein Flieger geht in wenigen Stunden und ich sitze am Flughafen in Singapur und ordne meine Gedanken. Das Schreiben dieses Blogs hilft mir beim Sortieren und ich bin froh, dass Du mir dabei hilfst. Wir hören uns in Europa.

 

Danke fürs Lesen.

 

Happy day,

Deine Anja

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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